Sommeransichten 2026
Feat. Awards und Geburtstage, Grimdark und Sword & Sorcery, C. J. Cherryh und Terry Pratchett, Musik im All und ein Knall, Pflanzen und Städte.
Mir deucht, es ist an der Zeit für ein paar Sommeransichten!
Ein Sommerawardsregen
Sommer ist Consaison: FeenCon, MetropolCon, ColoniaCon, … Möglichkeiten gab es in den vergangenen drei Monaten genug, den Keller oder die überhitzte Dachgeschosswohnung zu verlassen. Und wenn man schon dabei ist, kann man ja noch ein paar Preise vergeben.
Mal schauen, ob ich alle zusammen bekomme: Der Kurd-Laßwitz-Preis (KLP) wurde auf der MetropolCon verliehen, zu den Preistragenden bzw. Preistiteln gehören dieses Jahr:
- Nils Westerboer mit dem Roman „Lyneham“,
- Yvonne Tunnat mit der Kurzgeschichte „Nano Godt“,
- Karen Nölle mit ihrer Übersetzung von Ursula K. LeGuins „Der Tag vor der Revolution“,
- „Das Lexikon der deutschsprachigen Science Fiction 1933 – 1945“ von Klaus Geus, Wolfgang Both, Horst Ilmer und Klaus Scheffler,
- Jan Hoffmann für seine Titelgraphik der phantastisch! 98,
- das Hörspiel „Kind aus Seide“ von Leonie Ziem (Buch), Bernadette Sonnenbichler (Regie) und Tobias Vethake (Komposition),
- das Team der phantastisch!,
- Olaf Brill und Michael Vogt für „Der kleine Perry“,
- Jamie Lee-Campbell mit dem Essay „Wer sind sie? Und wenn ja, wie viele? Über welche Figuren schreiben wir in der Science Fiction?“
- und Becky Chambers mit „Und hoffentlich zu lernen …“ als bestes ausländisches Werk.
Ebenfalls auf der MetropolCon wurden die ESFS Awards verliehen, wobei u. a. der Verlag ohneohren als Best Publisher das Rennen gemacht hat! Thomas Recktenwald wurde als „European Grandmaster“ ausgezeichnet. Die komplette Liste mit allen Gewinner:innen findet ihr auf der Website der European Science Fiction Society.
Zum Deutschen Science Fiction Preis (DSFP) wurden auf der MetropolCon zunächst die Nominierungen bekanntgegeben, inzwischen stehen sogar die beiden Gewinnertitel fest: Als beste Kurzgeschichte wird Uwe Post mit „Blumen für Lisa-9“ ausgezeichnet, die Romankategorie geht erneut an Westerboers „Lyneham“. Die Preisverleihung findet im September auf dem ElsterCon statt.
Ebenfalls im September wird der Phantastikpreis der Stadt Wetzlar überreicht, dann am Vorabend der Wetzlarer Tagen der Phantastik. Aber auch hier steht mit Wieland Freund und dessen „Die Kathedrale der Vögel“ bereits der Sieger fest.
Zehnte Geburtstage hier und da
Feierlaune herrscht darüber hinaus bei Fischer TOR und Knaur Fantasy, die in diesem Jahr beide ihren zehnten Geburtstag feiern. Fischer TOR beging das mit einem auf YouTube nachschaubaren Leseabend, Knaur Fantasy veröffentlichte u. a. ein Interview mit Natalja Schmidt. 2016 scheint ein gutes Jahr in Sachen Imprints gewesen zu sein …
Ebenfalls 10 geworden ist das Future Fiction Magazine! Ok, allerdings nicht in Jahren, sondern in Ausgaben. Ich freue mich, in der Jubiläumsausgabe mit an Bord zu sein. In „Städte von morgen und übermorgen“ widme ich mich erneut den Verbindungen zwischen Science Fiction und Stadtplanung, dieses Mal mit einem Fokus auf Kuppelstädten.

Das Düstere und Seltsame, so lebendig
Im publizistischen Bereich von Web und Print ging es in den letzten Monaten sehr vielfältig zu und ich bin hier noch lange nicht dazu gekommen, alles zu lesen.
Ganz frisch kam z. B. Swantje Niemanns aktueller Blick auf Grimdark rein.[1] Und wenngleich der es dem Artikel nach lieber episch mag, sind wir doch nicht weit weg von der Sword & Sorcery, deren „Rebirth“ Cynthia Ward auf Reactor feiert – um gleichzeitig zu beklagen, dass das Genre seine weirdness eingebüßt habe. Ich glaub, der Punkt ist hier, dass die Sword & Sorcery erwachsener geworden ist, und sich wie der Rest der Phantastik in einem gewissen Behauptungskampf sieht. Man will also seriöser auftreten. Die weirdness wird in andere Subgenres gedrängt, weird fiction, new weird, bizarro fiction usw. – was dann ironischerweise oft, nicht immer, mehr Progression mitbringt. Aber wo die Sword & Sorcery nostalgisch gestimmt ist, bringt sie weiterhin genug Seltsamkeiten mit sich. Schaut mal in Endres‘ „Die Prinzessinnen“ oder all die französischen Comics mit ihren Baum-Ungeheuern und irren Magier-Bösewichten.
Wir bleiben noch kurz auf Reactor, wo mich Barbara Krasnoffs „A Heartfelt Appreciation of C. J. Cherryh“ dazu inspiriert hat, Cherryhs „Stein der Träume“ hervorzukramen. Gute Pendellektüre.
Das All spuckt Töne
Weiter geht es zum Demokratischen Salon, wo Fritz Heidorn eine keineswegs kurze Geschichte der Musik in der Science Fiction zum Besten gibt. Wenn man die Weitschweifigkeit und die mal sehr enge, dann wieder sehr weite Interpretation von Science Fiction vergibt, erwartet einen hier ein großes Sammelsurium an Beispieltiteln.[2]
Apropos All: Mit Buchknall ist ein neues Portal an den Start gegangen, das einen Überblick zu Science-Fiction-Veröffentlichungen bieten möchte. Dazu gibt’s ein Glossar, das neben den Affiliate-Links ein paar Quellen vertragen könnte. Hm. Das German SF Wiki kennt ihr?
Annäherungen an Altbekanntes
Verlassen wir mal das All und widmen uns stattdessen der wichtigen Frage: Wie sieht eigentlich ein Mallorn aus? Im Detail geht dem Miriam Ellis nach. Obwohl ich vorher nicht mal wusste, was ein Mallorn ist – sorry, keine Tolkienistin –, finde ich diesen Einblick in die Herangehensweise einer bildenden Künstlerin an ein feines Element aus einem literarischen Werk spannend.
Abschließend würde ich gerne Helen Lewis‘ „I Am Begging You To Read Terry Pratchett“ empfehlen, erschienen auf The Atlantic. Ist allerdings hinter einer Bezahlschranke, daher habe ich nur ersten Abschnitte lesen können. Der Untertitel, „One of England’s funniest writers is in danger of being lost to history“, lässt mich vermuten, es gehe u. a. darum, dass Pratchett … nun ja, in Vergessenheit gerät. Vor ein paar Jahren wäre das noch undenkbar erschienen, aber ich habe durchaus den Eindruck, dass seine Bücher ab Gen Z nur noch wenig gelesen werden, obwohl sie weiterhin in fast jeder Buchhandlung stehen. Im Panel „Remakes, Adaptionen & Co.“ auf der MetropolCon kam ja kürzlich auf, dass Pratchetts Bücher keine Neubearbeitungen bekommen sollten, da Humor zu abhängig vom Zeitgeist sei. Das bedeutet aber eben zugleich, dass dieser Humor heute nicht mehr unbedingt zünden kann, zumal Pratchett oft Bezug genommen hat auf aktuelle Entwicklungen. Weshalb ich aber wiederum hoffe, dass uns zumindest einige seiner Werke als Klassiker erhalten bleiben – vor allem die, die mir weniger durch den Humor als durch die zeitlosen Weisheiten in Erinnerung geblieben sind.
Und mit diesem Schlusswort könnte ich der nächsten Hitzewelle harren …
Phantastische Angebote und Veranstaltungen
… würden mir nicht noch zwei Anmerkungen auf den Tasten brennen.
Erstens weise ich darauf hin – unbezahlte Werbung, jo –, dass die phantastisch! gerade ein Angebot laufen hat, dass man zu jedem bis 21. August neu abgeschlossenen oder verlängerten Abo zugleich Zugriff aufs Archiv bekommt. Also mich haben sie damit bekommen und prompt ist heute die Ausgabe 102 in mein Haus geflattert.
Zweitens stehen veranstaltungsreiche Monate an. Wer mich treffen mag: Am. 26./27. Wochenende bin ich Teil des Kreativwochenendes „Die Welt des Schreibens“ im Schloss Engers (Neuwied am Rhein) und gebe hier einen Einblick in die deutschsprachige Phantastikszene. Der genaue Tag und die Uhrzeit gebe ich im Termin-Reiter bekannt, sobald beides feststeht.
Außerdem plane ich im Oktober mit Frankfurter Buchmesse, BuCon und der Koblenzer Buchmesse – dann hoffentlich schon mit „In Bernstein gebannt“.
Man sieht oder liest sich!

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Titelbild via Canva mit Elementen von Victoria Rusyn, Caroline Mackay, OneyWhyStudio, iBlumex, Tatgynsy, tanarch und christianhorz.
[1] Ihr wollt mehr zu Grimdark? Ich hätte da was.
[2] Ihr wollt mehr zu Musik in der Phantastik? Ich hätte da was.