Romane planen und schreiben mit Obsidian

Romane planen und schreiben mit Obsidian

Es ist inzwischen zwei Monate her, seit „In Bernstein gebannt“ angekündigt wurde. Hinter den Kulissen ist seither viel passiert, zum Beispiel habe ich meine Änderungen infolge des Lektorats zurückgesendet. Da ich die Rohfassung des Romans bereits vor einem Jahr geschrieben habe, fiel es mir zunächst schwer, wieder in den Text, dessen Ton und inhaltliche Details zu finden. Von großem Vorteil war es da, dass ich wie schon bei der Überarbeitung von „Spielende Götter“ mit Obsidian gearbeitet habe.

Nun könnte das für andere ja ebenfalls hilfreich sein. Daher kommt hier eine kleine Einführung dazu, wie sich Obsidian für die Arbeit an Romanen nutzen lässt. Wobei die Möglichkeiten weitaus vielfältiger sind als hier vorgestellt. Aber fangen wir von vorne an.

Was ist Obsidian?

Obsidian gehört zu den Personal-Knowledge-Management-Systemen (PKM(S)). Grob beschreiben lässt es sich als persönliches Wiki inkl. Notizsammlung. Früher habe ich zu diesem Zweck Evernote verwendet, inzwischen bin ich privat komplett auf Obsidian umgestiegen.[1]

In sogenannten „Vaults“ legt ihr eure Notizen an; wie genau ihr das macht, hängt von eurem persönlichen Stil ab. Bei mir bestehen die meisten Seiten aus Stichwort-Sammlungen, vereinzelt ergänzt durch Abbildungen. Kapitelzusammenfassungen schreibe ich als Fließtext, was mir übrigens auch hilft, die Handlung für Exposés aufzubereiten.

Die einzelnen Seiten werden in Markdown-Dateien und mit entsprechenden Befehlen angelegt, was zum Beispiel Verlinkungen auf andere Seiten ermöglicht. Dank dieser entsteht ein Wissensgraph, eine Netzabbildung, welche die Verbindungen der Notizen untereinander darstellt. Zusätzlich verfügt jede Seite über einen eigenen lokalen Graph, mit dem sich die Verlinkungen spezifisch nachverfolgen lassen.

Ansicht des Wissensgraphen in Obsidian. Begriffe wie "Natalie", "Lore", "Nachtmahr" oder "Gesammelte Dinge" sind miteinander verbunden. "Natalie" ist mit ihren Verbindungen hervorgehoben. Eine Textbox informiert darüber, dass es zusätzlich individuelle Ansichten gibt (lokale Graphen).

Was ist Markdown?

Markdown ist eine einfache Auszeichnungssprache, die ebenso bei Trello, HedgeDoc und vielem mehr Anwendung findet. Gut möglich, dass ihr sie schon genutzt habt, ohne euch dessen bewusst zu sein. Überschriften werden hier zum Beispiel durch # erzeugt, Verlinkungen durch [[interner Link]] bzw. [Linkname](externer Link) usw. Eine anfängerfreundliche Übersicht über Befehle, die Obsidian unterstützt, bietet unter anderem die Uni Rostock.[2] Für die meisten Notizseiten reicht es völlig aus, wenn ihr mit Links, Überschriften und Bullet Points arbeitet.

Übrigens könnt ihr die Obsidian-Dateien auch über andere Markdown-fähige Programme öffnen. Durchaus hilfreich, falls ihr irgendwann mal keinen Zugriff mehr auf die Software selbst haben solltet.

Wie komme ich an Obsidian?

Über https://obsidian.md/ lässt sich das Programm herunterladen und lokal installieren. Bucht man weder die Synchronisierung noch die Veröffentlichung hinzu, ist das Programm für die persönliche Verwendung kostenfrei. Die Synchronisierung kann man alternativ manuell zum Beispiel mit Nextcloud anstoßen.

Und wie kann ich Obsidian nun für die Romanarbeit nutzen?

Klassischerweise dient Obsidian wie gesagt zum Notizmanagement. Ich nutze es seit einigen Jahren für mein Phantastik-Wiki, aber auch für eine allgemeine Wissenssammlung, als Bilddatenbank, als Bekanntschaftsregister oder eben zur Roman-Organisation.

Den eigentlichen Manuskript-Text schreibe ich ganz klassisch mit Word, wobei ich auch Reiz darin sehe, einen Roman komplett mit Obsidian zu schreiben. Der Nachteile wäre nur, dass man die Kapitel hinterher in einem anderen Programm zusammenführen und als Normseiten formatieren oder sich ein entsprechendes Plugin suchen müsste … Anyway.

Letztlich gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, wie man Obsidian konkret zum Schreiben beziehungsweise für die Romanplanung verwenden kann. Ich verwende vornehmlich die Basisfunktionen, das heißt die Textseiten mit den Wissensgraphen; beides ist sehr einsteigerfreundlich. Es gibt aber jede Menge Plugins, offizielle ebenso wie inoffizielle. Manche Autor*innen schwören auf die Audioaufnahmen, die Canvas-Funktion, die Schnittstellen zu Papyrus, … Ich verweise hier auf eine entsprechend angestoßene Diskussion im Tintenzirkel, die euch weitere Inspiration bieten kann.

Was genau ihr verwendet und wie sinnvoll Obsidian für euch ist, hängt neben eurem generellen Interesse an der Einarbeitung in ein solches Tool von eurer Arbeitsweise ab. Generell ist Obsidian etwas für Leute, die Spaß daran haben, parallel zum kreativen Schreibprozess strukturierte und ausführliche Notizen zu führen. Und ausführlich sollten sie wirklich sein, damit sie euch im Überarbeitungsprozess helfen. Wobei sich die Trennung meines Erachtens nicht an Plottern / Pantsern vollzieht. Der Unterschied ist da vielleicht eher, dass Plotter Obsidian schon während der Planung verwenden, während es bei Pantsern den Prozess begleitet.

So oder so könnt ihr Figurensteckbriefe anlegen, Brainstormen mit Whiteboards, Skizzen und Grafiken zur Inspiration abspeichern, offene Fragen notieren, … Um es zu konkretisieren, kann ich erklären, wie ich das Tool für „In Bernstein gebannt“ genutzt habe.

Ok, wie ist Obsidian also für „In Bernstein gebannt“ zum Einsatz gekommen?

Für „In Bernstein gebannt“ habe ich folgende Ordner mit Notizen angelegt:

  • Kapitel, Zwischenspiele und Tagebucheinträge
    • 3 verschiedene Ordner, in denen ich jeweils die Zusammenfassungen dieser verschiedenen Kapitelvarianten angelegt habe. Jede Zusammenfassung zeigt dabei neben der Handlung auf, an welchen Orten das Kapitel jeweils spielt und welche Figuren oder Dinge auftauchen. Alle Begriffe, die eine eigene Seite haben, sind verlinkt. Teilweise enthalten die Notizen zusätzlich Zitate, die mir relevant erscheinen.
  • Figuren
    • Notizseiten zu allen auftauchenden Figuren. Bei mir sind das in der Regel keine kompletten Steckbriefe, aber ich speichere hier über Zitate alles ab, was über die Figuren jeweils geschrieben wird. Wichtig sind wiederum Verlinkungen, damit ich eine gute Übersicht über die Beziehungen der Figuren untereinander erhalte.
  • Dinge
    • Dinge? Dinge! Im Roman geht es um die Macht der Dinge, die Handlung rankt sich um mehrere Objekte. Jedes genannte Objekt hat dabei eine Notizseite erhalten, die im Prinzip ähnlich aussieht wie die Figurenseiten. Die Auflistung war für mich in der Überarbeitung hilfreich, um zu checken, dass sich die Objekte nicht zu ähnlich sind.
  • Wesen
    • Notizseiten zu den Fantasywesen, die im Buch eine Rolle spielen inklusive mythologischer Backgroundinfos.
  • Orte
    • Notizseiten zu den Handlungsorten, wiederum mit Beschreibungen in Form von Zitaten und Stichpunkten, außerdem einer Auflistung, in welchen Kapiteln die Orte auftauchen oder genannt werden. Teils mit Skizzen, die ich analog gezeichnet und hochgeladen habe.
  • Setting
    • Hier kommen alle Begriffe rein, die für die Handlung relevant sind, aber in keinen der anderen Ordner gepasst haben. Zum Beispiel so etwas wie „Sammler“. Sammler sind ein zentrales Element der Handlung, aber weder Wesen, noch Ding oder Ort, sondern eine Art Studierendenverbindung. In der entsprechenden Seite ist gesammelt (haha), was die Leute wollen, wer zu ihnen gehört, ihre Geschichte und Ähnliches.
  • Organisation
    • Hier sammle ich Verlagsmails, die Exposé-Versionen, Angaben für Externe (z. B. Illustratoren) oder allgemeine Notizen.
  • Marketing
    • Hier sammle ich Ideen rund ums Marketing inklusive Brainstorming zum Titel oder Zitaten, die sich in Social Media oder für Flyer nutzen lassen. Entwürfe zum Klappentext und Ähnlichem kann man hier ebenfalls reinpacken.
  • Gelöschte Elemente
    • Manchmal gibt es Absätze oder sogar ganze Kapitel, die aus dem fertigen Roman rausfliegen, weil sie nice to have, aber doch irgendwie unpassend sind. Weil man nie weiß, wofür man diese Fragmente noch mal braucht, sammle ich sie in diesem Ordner.
  • Zeitstrahl
    • Kein Ordner, sondern einfach ein Zeitstrahl. Damit die Romanhandlung nicht ungeplant endet bevor sie anfängt.

Das alles hilft immens, den Überblick zu behalten. Will ich zum Beispiel die Beschreibungen eines Ortes abgleichen, kann ich die entsprechende Notizseite aufrufen, wo ich direkt aufgelistet habe, in welchem Kapitel er jeweils mit welchen Attributen auftaucht. Auch Dopplungen oder potenzielle Redundanzen fallen in der Übersicht stärker auf.

Für die geteilte Projektorganisation mit dem Verlag habe ich Obsidian allerdings nicht verwendet, da das nur über Umwege in der Cloud möglich gewesen wäre; eigentlich liegt der Wert für mich von Obsidian dabei gerade darin, dass es lokal ist. Das Projektmanagement im Team läuft daher über ein Kanban-Board (und direkte Kommunikation). Und für kurzfristige Notizen und Entwürfe verwende ich Papier-Notizbücher, in Obsidian kommt nur, was mir langfristig relevant erscheint. Auf Papier kann ich leichter denken als am Bildschirm.

Welche (Open-Source-)Alternativen gibt es zu Obsidian?

Obsidian läuft zwar lokal, ist aber keine Open-Source-Software. Wer solche bevorzugt, kann sich beispielsweise bei Reor oder Logseq umschauen. Beide funktionieren im Prinzip ganz genauso wie Obsidian.

Reor habe ich eine Weile berufsbedingt genutzt; die Anbindung an Modelle wie Llama oder Mistral ermöglicht hier die Erstellung von Lernkarteien, was aber mehr für Schule oder Studium sinnvoll ist. Ich hatte interessehalber und zum direkten Vergleich mit Reor mal das Obsidian-Plugin Smart Second Brain installiert und darüber Obsidian mit Llama3 verbunden. Das ermöglicht das Chatten mit den eigenen Notizen. Die Antworten empfand ich hier ebenso wie auf Reor als mittelmäßig und generell sehe ich den Reiz dafür nur in sehr umfangreichen Vaults.

Der Wissensgraph – einer der großen Pluspunkte von Obsidian – fehlt bei Reor (bislang).[3]

Übersicht der Benutzeroberfläche

Hier noch einmal die Oberfläche von Obsidian mit Verweisen auf die wichtigsten Funktionen.

Screenshot der Benutzeroberfläche von Obsidian mit geöffneter Notizseite zu "Farnvolk" plus Menüs rechts und links. Auf der rechten Seite liegen die Bearbeitungsmöglichkeiten der Notiz, z. B. "Quellcode-Ansicht", "Nach PDF exportieren" oder "Verlinkte Ansicht öffnen". Links findet sich die Übersicht an Ordnern und Notizen mit der Möglichkeit, neue Notizen etc. zu erstellen

Nutzt ihr Obsidian selbst, ob für die Romanplanung oder anderweitig? Lasst gerne mal hören, welche Plugins ihr empfehlen könnt bzw. welche Erfahrungen ihr generell mit Obsidian oder dessen Alternativen gemacht habt.


[1] Ein paar nähere Worte zu Obsidian vs. Evernote: Während Obsidian mehr im Notizmanagement punktet, finde ich Evernotes Clipping-Möglichkeiten für Websites ungeschlagen. Eine Weile habe ich daher beides genutzt. Bei Evernote ging mir letztlich aber das Freemium-Modell arg auf die Nerven; da waren die Vorteile gegenüber dem Clipping mit Obsidian nicht mehr ausschlaggebend.

[2] Der Direktlink verursacht sofort den Download; sucht am besten nach „Obsidian Markdown“, dann werdet ihr schnell fündig.

[3] Noch eine Anmerkung zu Reor: Dieses Tool wird mit seiner KI-Anbindung beworben. Solange man nicht die entsprechenden Modelle installiert und mit Reor verknüpft, lässt sich aber auch Reor komplett KI-frei nutzen.

Wenn du meine Tipps schätzt, lass mir doch einen Ko-Fi da.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert