Buchansichten 2026, Teil 1

Buchansichten 2026, Teil 1

Feat. weird girls und female rage, Generationentraumata und Schauspielanekdoten, Magierkrimis in London und New York.

O tempora, o mores, der Juli ist schon halb herum und ich habe meine Leseeindrücke des ersten Halbjahres noch nicht gepostet. Höchste Zeit, das nachzuholen.

Gekonntes Unverständnis: „Wo auch immer ihr seid“ von Khuê Phạm

In ihrem beachtlichen Debütroman „Wo auch immer ihr seid“ (2021) erzählt Khuê Phạm von drei Generationen einer vietnamesischen Familie: Die Großmutter, die sich in Schweigen hüllt, um ihre Kinder zu schützen. Die beiden Söhne, von denen der eine während des Vietnamkriegs in die DDR migriert, der andere später in die USA flieht. Und schließlich Kiêu, die im Berlin der Gegenwart mit ihrer kulturellen Identität und ihrer ungeplanten Schwangerschaft hadert und bei einem Treffen in Kalifornien nicht nur ihre lesbische Seite, sondern ebenso die Geheimnisse ihrer Familie entdeckt.

Klug folgt Phạm den verzweigten Wegen ihrer Figuren, lässt dabei nachvollziehbar werden, wie diese zu Kommunisten, zu Trump-Verehrern oder Lügnern werden, warum sie ihre Familie um Stich lassen oder scheinbar irrationale Entscheidungen treffen. Allein die Geschichte um Kiêu und deren Situationships wirkt aufgesetzt, wie ein Stilbruch gegenüber den beklemmenden (Nach-)Kriegskapiteln. Was dann aber wiederum einen Reiz dieses Buchs ausmacht, das ja gerade die Brüche zwischen den Generationen, deren Unverständnis gegenüber einander darstellen möchte.

In jedem Fall ein sehr berührender Roman, der sein Thema darüber hinaus deutlich unktischiger behandelt als das thematisch ähnliche „Sungs Laden“, was ich 2024 gelesen hatte.

„Wo auch immer ihr seid“ von Khuê Phạm, btb 2021, 978-3-442-77291-9.

Alles finster, nur die Gürkchen nicht: „Pizza Girl“ von Jean Kyoung Frazier

Wir bleiben bei „ungeplant schwangere ostasiatische Frauen mit Migrationsgeschichte entdecken ihre lesbische Seite“ – wobei das auch schon alle Gemeinsamkeiten zwischen „Wo auch immer ihr seid“ und Jean Kyoung Fraziers „Pizza Girl“ (2020) umfasst. Ansonsten hat mich dieses schrille Buch mehr an eine Kreuzung aus „Nackt“ und „Juno“ erinnert, beides Werke von Diablo Cody, die ich sehr schätze. Allerdings fehlt „Pizza Girl“ deren Warmherzigkeit. Die Figuren in diesem Coming-of-Age-Roman rund um die 18-jährige Pizzalieferantin und Alkoholikerin Jane, die kurz nach dem Tod ihres Vaters ungeplant schwanger wird, sind freundlich, ihre Welt ist aber trist und grau. Zumindest vermittelt das die Protagonistin, die auf gleichermaßen unangenehme wie faszinierende Art unsympathisch ist. Anders als in vielen vergleichbaren Werken geschieht ihr kein Ungemach durch ihre Umgebung. Zwar hat sie einige Päckchen zu tragen, aber ob der Kindesvater, ihre Mutter, ihre Arbeitskollegen, Mitschülerinnen oder Teilnehmerinnen aus einer Selbsthilfegruppe: Alle sind bemüht, Jane zur Seite zu stehen, die sich dennoch gekonnt von einer Scheiße in die nächste reitet. Dabei gefährdet sie ihr eigenes Leben, das ihres ungeborenen Kindes, und schließlich das eines Fremden, für dessen Frau sie eine ungesunde Obsession entwickelt, nachdem die bei ihr Pizza mit Gürkchen bestellt.

Als ich einer Freundin von dem Buch erzählt habe, schlug sie die Bezeichnung weird girl fiction vor und ich glaube, das trifft es. Im Grund genommen ist es nicht mal coming of age, denn eine Entwicklung findet höchstens bei den Nebenfiguren statt, nicht bei Jane, die mit jeder Seite mehr frustrierende Entscheidungen trifft.

Ein Fazit zu diesem Buch fällt mir schwer. Es war kurzweilig, anders, voller Storytwists, Janes Chaosgedanken manchmal durchaus relatable. Aber letztlich hat mich Janes Unfähigkeit zur Kommunikation unbefriedigt zurückgelassen.

„Pizza Girl“ von Jean Kyoung Frazier, Kampa 2020, 978-3-311-10039-3

Aus der Erstarrung gelöst: Madeline Millers „Galatea“

Bleiben wir bei weird girls (oder women), wenden uns aber der Phantastik und hier Madeline Millers feministischer „Galatea“-Neuinterpretation (2022) zu. In Ovids Version wird die Titelheldin von Pygmalion als die perfekte Frau gemeißelt und von Aphrodite zum Leben erweckt – ohne allerdings selbst je ein Wort zu sprechen. Miller geht nun der Frage nach, was wäre, wenn Galatea eine Stimme gehabt und einen eigenen Willen entwickelt hätte. Das Ergebnis ist eine beklemmende Novelette mit einigen sehr unangenehmen Stellen.

In der Veröffentlichung von Eisele sind der Erzählung Illustrationen von Thomke Meyer beigefügt. Ein Vorwort von Miller erklärt zudem die Zusammenhänge zur Sage. Außerdem enthalten sind die Version von Ovid sowie ein Nachwort von Andreas Knabl, das vor allem die Geschichte nacherzählt und gegenüber dem Vorwort wenig Mehrwert bietet.

„Galatea“ von Madeline Miller, Eisele 2022, 978-3-961-61141-6.

Spin-offs verschiedener Gewichtsklassen: „Nachthexe“ und „Eine Nachtigall in New York“

Kein Halbjahr ohne ein bisschen „Die Flüsse von London“. Im Frühjahr war „Nachthexe“ aus der Feder von Ben Aaronovitch und Andrew Cartmelt an der Reihe, illustriert von Lee Sullivan. Der zweite Band der Graphic-Novel-Spin-offs füllt eine Lücke im Strang um den Gesichtslosen. Vermeintlich entführt hier ein Lechy die Tochter eines Oligarchen und die Eltern bringen Nightingale in ihre Gewalt, um das Folly zu Ermittlungen zu „motivieren“. Dabei erfahren wir zwar mehr über einige Nebenfiguren, insbesondere die Nachthexe Varvara. Ebenso klärt sich, wo eigentlich Maksim herkommt, der in den Romanen gelegentlich als Beverleys treuer Gehilfe auftaucht. Aber insgesamt bleibt die Erzählung doch blass und hätte ich mir keine Notizen gemacht, hätte ich ehrlich gesagt völlig vergessen, sie gelesen zu haben. Irritierend finde ich zudem die Coverwahl; nichts gegen die Flussgöttinnen, aber die spielen in diesem Band nun wirklich eine untergeordnete Rolle.

Nachhaltiger im Gedächtnis geblieben ist mir „Eine Nachtigall in New York“, ebenfalls ein Spin-off der „Flüsse von London“, dieses Mal in Form einer von Ben Aaronovitch geschriebenen Novelle, die in den 1920ern spielt. Hier ist Protagonist Gussie eigentlich nach New York ausgewandert, um seine Ruhe vor dem Folly und dessen Magie-Regeln zu haben. Als Nightingale vor seiner Tür auftaucht und ihn um Hilfe in einem Fall um ein magisches Saxophon bittet, steht er dem ehemaligen Weggefährten dennoch zur Seite.

[Achtung, ab hier leichte Spoiler] „Eine Nachtigall in New York“ teilt mit der Hauptreihe deren Stärken und Schwächen: Eine unterhaltsame, flotte Kriminalgeschichte mit magischem Einschlag und liebenswerten Figuren auf der einen Seite. Konfuse, ungelöste Details auf der anderen. Beispielsweise bleibt mir die Verbindung zwischen Molly und Maurelle unklar– „beide sind halt Fae“ ist mir da zu vage angesichts dessen, dass 50 % der Figuren der Reihe Fae sind. Und warum war Maurelle überhaupt ans Saxophon gebunden?[1]  Letztlich habe ich den Eindruck, Aaronovitch wollte vor allem das Flair der wilden 20er in New York mit Magie kreuzen – fair enough. Die queere Repräsentation insbesondere der Drag-Szene erscheint mir dabei gelungen, wobei ich davon abgesehen Nightingales (nicht nur) als Ace-Repräsentant schätze, gerade auch im Kontrast zum in der Hauptreihe gefühlt dauergeilen Peter.

„Die Flüsse von London 2: Nachthexe“ von Ben Aaronovitch, Andrew Cartmelt und Lee Sullivan, Panini 2019, 978-3-741-61225-1.
„Eine Nachtigall in New York“ von Ben Aaronovitch, dtv 2024, 978-3-423-22079-8.

Prinzessinnen auf Selbstfindungstrip: „Hoheitliches Gemetzel“ von Christian Endres

[Auch hier Spoilerwarnung, nicht ganz so moderat] Einen Band rund um Christian Endres‘ „Die Prinzessinnen“ zu lesen, ist inzwischen auch zur Tradition geworden – die nun wohl zum Ende gekommen ist, denn „Hoheitliches Gemetzel“ schließt die Erzählungen um die fünf Söldnerinnen (zunächst?) ab. Dieses Mal reisen die Prinzessinnen durch den „Flickenteppich“, eine Aneinanderreihung kleiner Königreiche, wo es vermeintlich ein Mörder gezielt auf Prinzessinnen abgesehen hat. Als die fünf den Übeltäter fangen, stellt sich die Situation jedoch anders dar und die Söldnerinnen werden unerwartet zu Verteidigerinnen eines Tals, dessen Behaglichkeit die Zukunftspläne der einen oder anderen erschüttert.

Mit Band 1 hatte ich seinerzeit viel Spaß, von Band 2 war ich enttäuscht; Band 3 fängt sich nun wieder und versteht sich besser als seine Vorgänger darauf, Sword-&-Sorcery-Episoden und roten Handlungsfaden zu verbinden. Interessanterweise wird die in Band 1 und 2 aufgebrachte Handlung rund um Sacipha und eine drohende Dämoneninvasion dabei weitgehend ignoriert, was dem Band jedoch guttut. Stattdessen ist die Erzählweise ruhiger und Endres lässt den Söldnerinnen mehr Zeit zur Entwicklung von Charakter und Freundschaft. Mit Heriell wird außerdem eine interessante neue Figur dem Reigen hinzugefügt.

Weniger gelungen fand ich die ständige Wiederholung abgehakter Gedanken ab ca. der Mitte des Buches; da hätte man einiges kürzen können. Die ständigen Deus-Ex-Machina-Momente sind sicher gewollt, nutzen sich in ihrer Häufigkeit aber ebenfalls ab. Auch hätten es ein oder zwei Enden weniger getan und es wäre der Stimmigkeit nicht zuwider gewesen, mal zu erklären, weshalb die Prinzessinnen am Anfang überhaupt davon ausgehen, einen Mörder zu jagen, obwohl es nie eine Leiche gab.

Würde ein weiterer „Prinzessinnen“-Band erscheinen, wäre ich trotzdem sofort wieder dabei. Die Chemie stimmt inzwischen und ich würde gerne mehr von ihren Abenteuern erfahren. Den Abschiedsschmerz stillen derweil die gesammelten Vignetten und Kurzgeschichten, die dem Buch angehängt sind. Übrigens würde sich das Setting für ein Shared Universe anbieten. Just sayin‘.

„Die Prinzessinnen 3: Hoheitliches Gemetzel“ von Christian Endres, Crosscult 2024, 978-3-98666-660-6.

Mehr als Macbeth und Picard: Patrick Stewarts „Making it so“

Zum Abschluss dann noch ein ganz anderes Buch, das mich die letzten Monate begleitet hat: „Making it so. Mein Leben. Zwischen Shakespeare und Star Trek“ ist die Autobiographie von Patrick Stewart. Er erzählt von seiner Kindheit in eher ärmlichen Verhältnissen in Yorkshire, Erfolgen und Misserfolgen als Schauspieler, Freundschaften zu Kollegen und gescheiterten Ehen. Das Buch ist dabei angefüllt mit Anekdoten auf die Film- und Theaterwelt, aber auch das Aufwachsen im Nachkriegs-England fern der Metropolen.

Die Einblicke sowohl in Stewarts Jugendzeit in Yorkshire als auch hinter die Kulissen von Theater und Hollywood-Produktionen sind aufschlussreich; ich schätze solche Perspektiven auf mir unbekannte Lebensbereiche. Dennoch habe ich mich beim Lesen dem Autor oft fremd gefühlt, anders als bei vielen vergleichbaren Autobiographien. Trotz aller Anekdoten dominiert das Tell und Stewart formuliert oft vorsichtig und distanziert, obwohl er an anderen Stellen überraschend hart mit Kollegen ins Gericht geht. Zunehmend schwierig fand ich zudem sein Frauenbild. Damit meine ich weniger seine Neigung zur Untreue, die er selbstkritisch reflektiert, sondern mehr die Art, wie er ständig z. B. die Attraktivität oder Nicht-Attraktivität von Lehrerinnen, Kolleginnen und anderen Weggefährtinnen einfließen lässt.

Davon ab geht die Autobiographie zwar chronologisch vor, springt aber immer wieder zwischen Personen und Ereignissen, wobei einerseits Weltstars vorgestellt, die Kenntnis irgendwelcher britischer Theater-Persönlichkeiten aus den 70er Jahren aber vorausgesetzt werden. Insgesamt eine interessante Lektüre, aber keine, die einen einfachen Zugang zu ihrem Subjekt bietet.

„Making it so“ von Patrick Stewart, riva 2024, 78-3-7423-2666-9.

***

So weit zu meinem bisherigen Lesejahr, als dessen Highlight ich „Wo auch immer ihr seid“ kröne.

Was das aktuelle Lese-Halbjahr so bringt, verrate ich dann vermutlich Ende Dezember oder Anfang Januar.


[1] Ok, in Hinblick auf „In Bernstein gebannt“ sollte ich Verständnis haben für undurchsichtige Feenregeln …

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