Top 7: Keltische Fantasy
Es gibt Läden, bei denen man froh ist, dass es sie gibt, sich aber zugleich fragt, wie sie sich halten können. Scherenschleifereien zum Beispiel. Oder Kunstblumen-Läden. Oder Buchhandlungen für keltische Fantasy.
Letzteres ist mir im Sommer mit der „Librairie Céltique“ begegnet. Gelegen im bretonischen Locronan, bietet dieser bis zu den Dachbalken vollgestopfte Laden zwar auch einige Bildbände, Reiseführer und Fachliteratur. Der Großteil des Angebots besteht aber aus Druckerzeugnissen, die sich irgendwie der keltischen Fantasy zuordnen lassen. Notizbücher mit wimpernklimpernden Feen und Triskelen-Tattoos, Selfpublishing-Romane mit Helden im Schottenrock, vor allem aber Unmengen an schön illustrierten, inhaltlich wechselhaften Nachschlagewerken zu … Feen. Ich hätte nicht gedacht, dass es so viele französischsprachige Bücher zu diesem Thema gibt.
Andererseits ist keltische Fantasy durchaus ein großes Ding, auch hierzulande. Erst waren es feministisch angehauschte Romane, die im Zuge von Marion Zimmer Bradley Erfolge feierten, später entdecktedie Jugend-Romantasy das Feld für sich. Inzwischen hat der Trend wieder etwas nachgelassen, aber das Keltische hat sich definitiv seinen Platz in der Popkultur gesichert, von Einflüssen auf Esoterik und Co. mal ganz abgesehen.*
Ich will auf das Thema jetzt gar nicht ausführlich eingehen, das habe ich schon an diversen anderen Stellen getan (z. B. in Artikeln für Magira und Celtic Guide). Stattdessen ist es mal wieder an der Zeit für eine Top-7-Runde, die eigentlich schon seit meinem Locronan-Besuch im August auf Veröffentlichung wartet. Es geht um Romane, die sich irgendwie mit keltischen Fantasy und Folklore auseinandersetzen. Von denen habe ich vor allem als Teenager jede Menge gelesen. Warum, verrät euch direkt das erstgenannte Buch.
(1) „Der Sohn der Sidhe“ von Kenneth C. Flint
Wer halbwegs regelmäßig auf diesem Blog mitliest, hat diesen Titel schon das eine oder andere Mal gehört. „Der Sohn der Sidhe“ war mein erster Fantasyroman** und hat allein dadurch schon eine Sonderstellung, denn er hat mich in vielerlei Hinsicht stark beeinflusst (siehe dazu auch hier). Außerdem war er das erste Buch, von dem ich Fan war. Nachdem ich es auswendig konnte – und eine Weile konnte ich es tatsächlich auswendig – machte ich mich auf die Suche nach anderen Büchern von Kenneth C. Flint. Das war damals nicht so einfach, da Flint erstens nie wieder ins Deutsche übersetzt wurde, zweitens selbst im englischen Sprachraum nicht gerade zu den bekanntesten Autoren zählte, drittens seine inzwischen verfügbaren E-Book-Neuauflagen noch in weiter Ferne lagen und ich viertens minderjährig war, also nicht mal eben Amazon bemühen konnte. Wenn es meine Eltern schafften, eines von Flints Büchern antiquarisch aufzutreiben, war das für mich immer wie Weihnachten und Ostern zusammen.

Fast wie neu.
Einige Jahre später schrieb mich Kenneth C. Flint tatsächlich mal an, nachdem ich auf einer Facebook-Page eines seiner Bücher geliked hatte. In der Folge habe ich ihn gleich drei mal interviewt, u. a. für den Geisterspiegel.

Cuculain tötet Fardia – mein persönliches Buchtrauma
(„Ferdia falls by the Hand of Chuchulain“ von Stephen Reid)
Nach heutigen Maßstäben finde ich „Der Sohn der Sidhe“, das den Taín bó Cuailnge als Fantasy-Road- Novel nacherzählt, nicht mehr soo herausragend, was vor allem an der doch recht veralteten Sprache liegt. Irgendwann habe ich mal geschrieben, dass ich manchmal Buch-Remakes gar keine schlechte Idee fände. Ein „Der Sohn der Sidhe“-Remake wäre was.
(2) „Das Nachtvolk“ von Bernhard Hennen
Über dieses Buch habe ich schon einmal am Rande des (ohnehin keltenlastigen) Top-Artikels über fast vergessene Bücher berichtet. Um mich also zu wiederholen: Auf der Suche nach ähnlichen Büchern wie „Der Sohn der Sidhe“ wurde ich bei „Das Nachtvolk“ vom damals noch recht unbekannten Bernhard Hennen fündig. Die Handlung rund um Volker von Alzey, der sich in einem Sumpf verirrt und dort auf keltische Göttinnen trifft, ist rückblickend zwar schon ein wenig hanebüchen, aber fesselnd war der Roman definitiv.
Wie viel später festgestellt, ist „Das Nachtvolk“ Teil der Nibelungen-Reihe und hat mit „Der Ketzerfürst“ einen direkten Nachfolger (siehe dazu oben verlinken Artikel). Trotzdem lässt sich „Das Nachtvolk“ unabhängig lesen.
Ebenfalls in der Liste auftauchen könnte übrigens Bernhard Hennens Funtasy-Roman „Nebenan“, in dem allerlei Märchen- und Mythenfiguren Köln, die Eifel und den Rest der Welt retten.
(3) „Die Chronik des Eisernen Druiden 1: Gejagt“ von Kevin Hearne
Um noch mal zur Bretagne zurückzukommen: Jedes Mal, bevor ich in den Urlaub fahre, kaufe ich mir ein Buch, an das ich nur die Forderung stelle, dass es unterhaltsam sein soll. Abschalten und so, ihr wisst schon. Früher hab ich Nietzsche am Strand gelesen, aber entspannter wurde ich davon nicht unbedingt. Dieses Mal sollte es daher mal wieder bisschen Klischee-High-Fantasy sein. Den Klischee-High Fantasy-Roman meiner Wahl gab’s aber nicht vorrätig und die Zeit drängte, also kaufte ich stattdessen „Gejagt“. Zwar als teure Klappenbroschur mit eigenwilligem Cover (sexy Held kratzt sich mit dem Schwert am Rücken),*** aber ich hatte schon viel Gutes über das Buch gehört, und im Personenverzeichnis stand was von Cúchulain, passte also.
Nun, manchmal sind spontane Blindkäufe doch eine gute Idee, denn ich hab beim Lesen Tränen gelacht. Die Handlung rund um den Eisendruiden Atticus, der sich mit einem keltischen Liebesgott anlegt, ist so an den Haaren herbeigezogen, dass man sich ähnlich wie beim einen oder anderen alten Pratchett fragt, ob es überhaupt eine richtige Handlung gibt. Ist aber auch wurscht, denn die aus einem wilden Mythenmix, popkulturellen Zitaten und einer Fülle abgedrehter Ideen resultierende Mischung ist so kurious, dass man einfach nicht anders kann, als von diesem Roman gute Laune zu bekommen. Daher eine unbedingte Leseempfehlung.
Bislang sind acht Bände der Chronik erschienen, ein neunter soll sie abschließen.
(4) „Faeriewalker 1 +2“ von Jenna Black
Die „Fariewalker“-Trilogie spielt in einer Welt, die unsere sein könnte, wenn sich die Menschheit nicht vollkommen bewusst wäre, dass es mit der Feen-Welt noch eine zweite gibt, die aber von Menschen ebenso wenig betreten werden kann wie „unsere“ von den Feenwesen. Nur in der Kleinstadt Avalon können beide Spezies (erstaunlich einträchtig) koexistieren. Und genau in dieses Avalon verschlägt es Protagonistin Dana, die nach 16 Jahren Menschenwelt das erste Mal auf ihren Sidhe-Vater trifft – der sich natürlich prompt als politisch wichtiger Adliger herausstellt (dessen Nummer aber trotzdem im Telefonbuch steht). Und weil die sommernachtsträumenden Feenköniginnen es nicht so gut finden, dass seine Tochter eine Faeriewalker ist, also beide Welten betreten kann, ist die Kacke bald am Dampfen. Anschläge, fiese Verwandte, garstige Monster, sexy Sidhe, das ganze Programm eben.
Mein Vorliebe für diese Reihe – vor allem die ersten beiden Bände – läuft wohl unter guilty pleasure. Denn ob es um Danas bemerkenswerte Fähigkeit geht, dumme Entscheidungen zu treffen, um ihren arroganten Feenfreund Ethan oder die Unlogik im Weltenbau (Alle Feen sind entweder 1000 oder 18? Kein Run auf Avalons Krankenhäuser? Kein Supermensch-Gehabe der Feen, die die Menschen in allen positiven Attributen übertreffen?): Es gibt viel, was man „Faeriewalker“ vorwerfen kann. Trotzdem bereitet es sehr viel Lesefreude, Avalon zu entdecken.

(5) „Der schwarze Garten“ von Dorothe Zürcher
Auch in Zürich leben jede Menge nicht-menschlicher Humanoide – man muss nur wissen, wo man nach ihnen suchen soll und wie man sie erkennt. Kaia weiß über beides Bescheid und kontert Angriffe und Heimsuchungen aufmüpfiger magischer Wesen mit stoischem Pragmatismus. Als sich einer ihrer Gegner als keltischer Kriegsgott herausstellt, muss sie dann aber doch mal schlucken.
Dorothe Zürcher widmet sich der synkretistischen Schweizer Sagenwelt mit Unaufgeregtheit, Detailliebe und ohne unnötige Sprachschnörkel. Dank dieser Verbindung zählt „Der schwarze Garten“ nicht nur zu meinen derzeitigen Top 7 der keltischen Fantasy, sondern auch zu den besten Romanen, die ich dieses Jahr bislang gelesen habe. Ausführlicher gehen die Autorin und ich an dieser Stelle auf das Buch ein.
(6) „Ballade“ von Maggie Stiefvater
Sequels gelten allgemeinhin ja nicht unbedingt als die besseren Teile, aber „Ballade“ ist eine schöne Ausnahme dieser Regel. Seinen Vorgänger „Lamento“ fand ich inhaltlich eher durchschnittlich. Das Hintergrund-Setting hatte seinen Reiz, vor allem dank der ungewöhnlichen Sidhe-Darstellung, die sich stärker am Volksglauben denn an Mythen oder Sagen orientiert. Die Handlung läuft aber – jedenfalls bis zum ungewöhnlich pessimistischen Ende – sehr nach Romantasy-Schema-F ab. Zumindest, solange sie verständlich bleibt.
Die Fortsetzung „Ballade“ aber wählt einen anderen Weg, schon deshalb, weil dieses Mal die Perspektive des Sidekicks aus dem Vorgänger gewählt wird und die Protagonistin aus Band 1 nur noch durch SMS und Briefe zu Wort kommt. Interessante stilistische Mittel, die das auch inhaltlich überzeugendere „Ballade“ aus der Masse vergleichbarer Romane herausheben.

Gut gelaunt, bis es weh tut (Illustration von E. Stuart Hardy)
(7) „Das Buch Merlin“ von T. H. White
Und wieder der siebte Platz, um den sich diverse Bücher kloppen und bei dem ich mich stets frage, ob ich nicht einen total wichtigen Roman vergessen habe. Zumindest als Platzhalter dient aber „Das Buch Merlin“, der fünfte Band von „Der König auf Camelot“ und der einzige davon, den ich gelesen habe – mit Band 1 zu beginnen ist einfach zu mainstream. „Das Buch Merlin“ steht an dieser Stelle vor allem, damit ich intellektuell rüberkomme, weil es mir nach „Der Sohn der Sidhe“ einen Meta-Blick auf die ganze keltische Mythologie und die westliche Gesellschaft geboten hat.
Nun, wie sieht’s bei euch aus, welche Bücher vermisst ihr in der Aufzählung?
* Mich wundert, dass zumindest die irische Mythologie noch nicht so richtig in Hollywood angekommen ist.
** Ich bin mir nie so ganz sicher, ob nun „Der Sohn der Sidhe“ oder „Erdzauber“ die Nr. 1 waren. (Von Kinderfantasy mal ganz abgesehen.)
*** Ungleich schöner ist die Hardcover-Ausgabe, die unter dem Namen „Die Hetzjagd“ erschienen ist.
11 Gedanken zu „Top 7: Keltische Fantasy“
Du musst unbedingt mal den ganzen „Once and Future King“ lesen! 🙂 Eine der wunderbarsten Neubearbeitungen des Artus-Stoffes, die ich kenne.
Ich meinerseits sollte mich wohl mal nach „Der Sohn der Sidhe“ umschauen. Mag die Sprache auch „veraltet“ sein {wobei ich ohnehin nicht recht weiß, was ich mir darunter vorstellen soll}, eine Neuerzählung der „Taín bó Cuailnge“ würde mich schon brennend interessieren.
Ich wusste übrigens gar nicht, dass mal ein Cú Chulainn – Film angedacht worden ist. Weiß allerdings auch nicht, ob ich große Erwartungen in so ein Projekt stecken würde. Klassische Heldenepen haben nach meiner Erfahrung eher selten eine glückliche Übersiedelung auf die Leinwand erlebt. Mein einsamer Favorit in dieser Hinsicht ist glaub‘ ich immer noch Peter Brooks‘ Adaption des „Mahabharata“.
Ja, hab ich auch fest vor. Vor ein paar Monaten habe ich mit „Das Buch Merlin“ noch mal angefangen, aber dann beschlossen, dass es wahrscheinlich doch mehr Sinn macht, chronologisch vorzugehen 😉
Mach das, es lohnt sich und das Buch gibt’s antiquarisch ab 1 Cent^^. Wenn ich schreibe, dass ich das Buch nicht mehr „soo herausragend“ finde, ist es ja immer noch herausragend 😉 Es ist nur inzwischen halt auch 30 Jahre alt und sprachlich merkt man das schon – meiner Meinung nach auch mehr als bei einigen anderen Romanen aus dieser Zeit. Andererseits gibt das dem Buch auch seine Atmosphäre. Würde ich jetzt eine aktuelle Übersetzung lesen, würde ich wahrscheinlich darauf regieren wie die „Herr der Ringe“-Puristen auf dessen Neuübersetzung.
Flints spätere Romane – „Der Sohn der Sidhe“ war sein Debüt – sind inhaltlich etwas komplexer, aber auch „Fantasy-gefälliger“. Aber falls du auch englischsprachige Romane liest: Mit „Isle of Destiny“ ist später noch die Vorgeschichte von „Der Sohn der Sidhe“ veröffentlicht worden. Inzwischen wird das Ganze als Trilogie gehandelt („Isle of Destiny“ wurde in zwei Teile gespalten), allerdings passen die Bücher in den Details nicht ganz zusammen. Mir war das zu wenig kanonisch 😉
Mit „Der Hund des Culann“ von Manfred Böckl gibt es auch eine Nacherzählung aus deutscher Feder, aber „Der Sohn der Sidhe“ ist um Welten besser.
Es hieß mal, Michael Fassbender sollte die Rolle übernehmen, aber die letzte Meldung, die dazu finden kann, ist auch schon wieder drei Jahre her. Aber ich brauche da auch keine Verfilmung zu – die könnte meinen Erwartungen niemals gerecht werden 😉 Ich weiß noch, wie ich mich damals auf „Troja“ gefreut habe. Und dann kam da Brad Pitt als Achilles.