Frühlingsansichten 2026
Awards, Awards und noch mehr Awards. Städte und Mangel an Trends. Solarpunk und Illustrationen. Abenteuerromane und Exodus-Exodus: Die Frühlingsansichten 2026.
Von SERAPH bis RABBIT: Start der Awardsaison
Frühlingssaison? Start der Awardsaison! Was ging an wen?
Auf der Leipziger Buchmesse wurde der SERAPH an folgende Titel und Personen verliehen:
- Bestes Buch: „Lyneham“ von Nils Westerboer
- Bestes Debüt: „Drachenseelensplitter – Demons within“ von Jenna T. Scriver
- Bester Indie-Titel: „Eine Blume aus Gift und Eisen“ von Yola Stahl
- Bestes Jugendbuch: „Lichterloh – Stadt unter Ruß“ von Sarah M. Kempen
Dank Spendenstream bekommen alle Preistragenden satte 8.000 Euro pro Kategorie.
Der Berliner Preis für Science Fiction ist mit 1.000 Euro ebenfalls sehr ordentlich dotiert. Unter dem Motto „404: Fehlercode“ wurde er zum bereits dritten Mal vom Radiator Verlag ausgeschrieben. Im Finale standen 8 Autor*innen, das Rennen machte Leo Lemke mit „Serverlos“.
Der Österreichische Phantastik-Preis wurde auf der Fantasy-Con an Wolfgang Rauh mit „Ignael“ verliehen. Auf dem MarburgCon wiederum wurden die Ergebnisse des Vincent Preises verkündet. Preistragende sind in diesem Jahr demnach
- Bester Roman national: Eva von Kalm mit „Andrargs Schriften Teil 1: Die Prophezeiung“,
- Bester Roman international: Carissa Orlands mit „Das Septemberhaus“,
- Beste Anthologie: Bettina Ickelsheimer-Förster mit „Geheimnisvolle Gewässer“,
- Beste Storysammlung: Thomas Karg mit „Jenseits der Realität – Lovecraftsche Erzählungen“,
- Beste Horror-Grafik: Adrian van Schwamen mit „Hinter den Schatten“,
- Sonderpreis: das Phantastik-Autor*innen-Netzwerk,
- Beste Kurzgeschichte: Lennox Lethe mit „X“ aus „Mystische Gewässer“
- (Offenbar sind 2025 wirklich sowohl „Mystische Gewässer“ als auch „Geheimnisvolle Gewässer erschienen. Lol.)
- Bester Horror-Heftroman: Chris Steinberger mit „Die Verschwörung der Wölfe (Gespenster-Krimi 167)“
Beim Inklingspreis fehlt mir der Durchblick angesichts der verinselten Bekanntgaben. Aber soweit ich es sehe, wird während des Inklings-Symposiums im Juni die Kreativklasse „audiovisuelle und sonstige Beiträge“ an Lena Richters „Drei Geister“ verliehen. Die Bekanntgabe erfolgte über Instagram und Facebook. Die Wissenschaftsklasse wird aus Mangel an Einsendungen in diesem Jahr ausgesetzt.
Dann wurden noch die deutschen Nominierungen für den ESFS Award und die Preisträgerin des Newcomer-Preises, des Chrysalis Awards, veröffentlicht. Ob sich von den Nominierten jemand gegen die europäische Konkurrenz durchsetzen kann, wird sich im Rahmen der MetropolCon entscheiden. Ich freue mich, dass es auch einer meiner Vorschläge ins Finale geschafft hat.
Die Aufzählung ist nicht vollständig ohne die Nominierungen des Kurd Laßwitz Preises (KLP). Mich hat besonders gefreut, unter den Titeln für den besten deutschsprachigen Roman Anika Beers „We burn the sun“ zu finden. Nicht wegen des Buchs als solchen – das habe ich noch nicht gelesen und daher nicht dafür abgestimmt. Aber es ist für mich ähnlich wie 2022 Janna Ruths „Memories of Summer“ ein Zeichen, dass der KLP über seinen spezifischen Szene-Tellerrand hinausschauen kann.
Allerdings wäre der KLP nicht der KLP ohne ein wenig Drama. Und prompt hat ein SF-Autor und -Blogger auf Beers Nominierung mit einem nicht eben um Sachlichkeit bemühten (inzwischen gelöschten) Verriss zum Buch reagiert, garniert mit einem KI-generierten Verbrennungsvideo. Nun. Nichts gegen eine solide 1-Stern-Rezension. Aber dass die vorgenommene Form und Symbolik (nicht erst) im Jahr 2026 eine miese Idee sind, sollte gerade jemandem, der publizistisch tätig ist, vielleicht klar sein. Letztlich wurde ein dem Ansehen von Szene und Genre wenig förderliches Klischee erfüllt. Es ist, höflich gesagt, nicht angenehm für Autor*innen, wenn sowas zum eigenen Buch veröffentlicht wird, aber der Schaden in dieser Sache dürfte letztlich nicht bei Beer liegen.
Erfreulichere Nachrichten: Neu hinzugekommen ins Award-Geschäft ist der RABBIT Romantasy Award, dessen Ziel es ist, „Romantasy zu fördern, das Genre im literarischen Diskurs differenzierter zu präsentieren und von Vorurteilen zu lösen.“ Bis 31. Mai werden Einreichungen in den Kategorien „Romantasy“, „Romantasy Debüt“ und „Romantasy: Dunkle Liebe“ angenommen. Zum Preis erscheint eine Spenden-Anthologie.
Trendmangel, Fandom-Inseln und „beruhigende Vorhersehbarkeit“
Nach anderthalb Word-Seiten kommen wir dann endlich mal bei den Artikeln an.
Auf TOR Online sind in den letzten drei Monaten eine ganze Reihe interessanter Beiträge erschienen – die hier alle vorzustellen, würde den Rahmen sprengen. Einige aus den letzten Wochen möchte ich dennoch hervorheben.
Da stellte etwa Swantje Niemann fest, dass die Zeiten dominanter Klischees, großer Trends und einhergehender Fandoms außerhalb von Subgenres wie Romantasy und LitRPG in der Fantasy vorbei sind. Dem stimme ich zu – im Prinzip ähnelt das dem, was ich mit Lew Marshall im Flunschcast zum Tod des Mainstreams besprochen hatte. Dafür florieren Subszenen, und ich denke, es ist in dem Zusammenhang tatsächlich hilfreich, von solchen zu reden. Denn z. B. lebt Romantasy nicht nur von Social-Media-Kanälen, sondern zusätzlich von Buchbällen und Lesenächten. Und damit von anderen Treffpunkten, Ritualen und Events als frühere Phantastik-Szenen.
Davon ab sehe ich einen weiteren Grund für die Zerfaserung durchaus in der Streaming-Streuung. Die mag zwar primär mit visuellen Medien einhergehen, aber letztlich bedingen sich diese oft mit Literatur und umgekehrt. Und da heute das Angebot größer ist und nicht jeder Streaming-Hopping betreibt, sind die Fandoms kleiner, verinselter.
Herausstellenswert finde ich auch Swantjes Verweis auf die „beruhigende Vorhersehbarkeit“. Das ist so ein Punkt, der mich an jüngeren Romanen und deren Marketing verwirrt. Warum wollen Leute wissen, welche tropes vorkommen? Mir waren schon Genre-Cakes zu konkret. Und ja, ich mag offensichtlich Subgenre-Diskussionen, aber das sind keine Schreibanleitungen.
Propaganda und die Lust an der Interpretation
Bleiben wir auf TOR Online. Judith Madera schrieb hier einen einsteigerfreundlichen Beitrag, wie Science Fiction dabei helfen könne, Propaganda-Mechanismen zu verstehen. U. a. kommt sie darauf zu sprechen, wie zweischneidig die „Starship Troopers“-Verfilmung interpretiert wurde und wird.
Hierbei musste ich an die Video-Essays denken, in denen herausgestellt wird, wie Autor*innen zuletzt aus Angst vor Missinterpretation in ihren Botschaften sehr explizit werden. Dabei liegt doch künstlerische Freude in der Interpretation und der Ambivalenz von Botschaften (oder deren Mangel).
Urbane Zukünfte und städtischer Optimismus
Ungebrochen bleibt die Liebe von Fantasy und Science Fiction zu städtischen Settings – kein Wunder also, dass wir uns dem Thema gerne widmen: Judith Madera hat nach meiner „Magische Metropolen“-Reihe jüngst eine „Future Cities“-Reihe gestartet, los ging es mit Berlin.
Kurz darauf habe ich mich ebenfalls mit urbanen Zukünften beschäftigt, nun mit Blick auf Gegenwart und nahe Zukunft: Anhand eines Forschungsprojekts aus dem 2014/15, über Berichte zu Megacitys und mithilfe der Wortmeldungen zweier Stadtplanungs-Büros habe ich mir angeschaut, wo urbane Planungskonzepte und Science Fiction aufeinandertreffen.

Bild von YankeeHo unter CC BY SA 4.0 via Wikimedia Commons
Durchaus positiv überrascht war ich dabei von dem solarpunkresken Optimismus, den die befragten Stadtplanungs-Büros in ihren Visionen versprühen. In mancher Hinsicht kann ich diesen durchaus teilen. Die Städte, in denen ich bisher gewohnt habe, mögen nicht vergleichbar sein mit den großen Metropolen, aber vermutlich halbwegs repräsentativ für kleinere deutsche Städte. Und hier habe ich den Eindruck, dass viel dafür getan wird, dritte Orte und Begegnungsstätten zu schaffen. Ebenso war es (trotz Ausbaufähigkeit) noch nie so leicht, sich mit dem ÖPNV fortzubewegen. Natürlich sehe ich trotzdem genug Probleme – Leerstand, Vermüllung, Konflikte zwischen Interessens- oder Bevölkerungsgruppen, Parallelgesellschaften, fehlende Möglichkeiten zur langfristigen Planung, Kommunikationsschwerfälligkeit. Aber auf der anderen Seite stehen viele Initiativen und ein Bewusstsein für die Stadt als Lebensraum.
Von Solarpunk bis zum Abenteuerroman
Apropos Solarpunk … Wer SF-technisch hier die letzten Jahrzehnte unter einem Stein gelebt hat, kann sich eine meiner zahlreichen Einführungen durchlesen. Na gut, oder die jüngst auf Mother Jones erschienene von Clive Thompson, der den Weg über verschiedene Beispieltitel nimmt. Dankenswerterweise verfällt er dabei nicht in die falle, Solarpunk als pures Utopia zu interpretieren. (Ich möchte allerdings anmerken, dass die brasilianische Anthologie nicht von 2018 ist, sondern aus 2012; 2018 erschien lediglich die englischsprachige Übersetzung. Genre-historisch macht das einen großen Unterschied, da 2018 ganz andere Solarpunk-Trends vorherrschend waren.)
In deutschsprachigen, sonst genrefremden Magazinen gab es ebenfalls den einen oder anderen Schwenk zur Phantastik: Im Standard ging es z. B. um den Blick der Kulturwissenschaftlerin Julia Grillmayr auf Science Fiction bzw. um Grillmayrs Buch „Science-Fiction-Futorologien“. Die Zeit hat Seraina Kobler zu „Tal der Schwaben“ interviewt – womit wir wieder bei Zukunfts-Stadtbildern wären.
Für Telepolis schlug Ruben Philipp Wickenhäuser vor, wieder „mehr Abenteuer[romane] [zu] wagen“. Im Text ging es direkt gut los: „Fantasy ist kein Ersatz für gute Abenteuerromane. Echte Abenteuer sind anspruchsvoller – und gesellschaftlich relevanter.“
Da platzt dem der Fantasy zugeneigten Leser naturgemäß erst einmal der Kragen. Dabei wäre das nicht nötig, der Artikel geht durchaus differenziert darauf ein, was Fantasy bzw. Phantastik leisten kann – wobei ich mich gerade deshalb frage, warum es erst den Vorschlaghammer braucht. Eigentlich möchte Wickenhäuser nämlich eine Lanze für Abenteuerromane brechen. Er stellt dabei insbesondere „Indianerromanen“ heraus – ein Genre, in dem er selbst veröffentlicht hat und dessen Betitelung er in anderen Beiträgen offenbar verteidigt.
Aber warum ständig den Abenteuerroman gegen die Fantasy abwägen? Das Fazit finde ich in der Hinsicht unglücklich: „Wo Fantasy beliebig sein kann, müssen sich Abenteuergeschichten auf realer Grundlage an der Realität messen lassen. Dabei kommt es nicht darauf an, dass jeder Knopf in der mit den richtigen Stichen angenäht wurde. Sondern darum, dass die Protagonisten sich nach den gleichen Naturgesetzen richten müssen wie wir, die gleiche Verantwortung wie wir für ihr Handeln tragen, im Guten wie im Schlechten.“
Ich verstehe, dass nicht jeder Artikel auf alle Nuancen eingehen kann. Aber hier wäre dann doch mehr Differenzierung nötig gewesen, da sowohl die Bandbreite in Sachen Fantasy als auch in Sachen Abenteuerroman sehr groß ist. Ob ein Piratenroman nun wirklich so viel stärker an der Realität ist als z. B. Susan Coopers „Wintersonnenwende“-Romane?
Illustrationen und mehr Lust an der Interpretation
Was sich in Social Media tut, vor allem auf den Meta-Plattformen und Booktok, bekomme ich nur am Rande mit. Mir fiel aber eine Story von Marie Graßhoff ins Auge, in der – wenn ich mich korrekt erinnere – thematisiert wurde, dass sich jemand daran störte, dass es so oft Illustrationen zu ihren Figuren gibt. Viele scheinen das absurd zu finden; Figurenillustrationen haben Hochkonjunktur und man muss dazu sagen, dass gerade bei Graßhoff die Verschmelzung aus Literatur und Graphischem ein Marken-Kernelement ist.
Aber auch diese Diskussion ist keineswegs neu. Beschwerden von Lesenden, die sich lieber ein eigenes Bild von den Figuren machen wollten, sollen sogar seinerzeit der Grund dafür gewesen sein, weshalb Blanvalet für die deutschen Drachenlanze-Ausgaben wegging von den Elmore- und Stawicki-Illustrationen, hin zu generischem Standardkram. Damals fand ich das unmöglich, inzwischen schaue ich differenzierter darauf. Ich schätze Illustrationen sehr, habe gerade erst wieder eine zu „In Bernstein gebannt“ anfertigen lassen. Trotzdem gibt es Fälle, in denen mich die Illustrationen aus der Immersion reißen, weil sie z. B. stilistisch nicht zu dem Gefühl passen, das ich beim Lesen habe. Ich finde das nicht besonders problematisch; es sind ähnlich wie Verfilmungen oder Playlists eben die Interpretationen anderer Leute – und ich sehe auch nicht bei den Autor*innen die unbedingte Hoheit über meine eigene Interpretation. Als solche kann ich sie dann wieder genießen. Ich denke da z. B. an die Comic-Version von „Die Flüsse von London“; einige Figuren sehen darin ganz anders aus, als ich sie mir vorgestellt habe. Das ist okay – beim Lesen der Romane dominiert trotzdem meine eigene Vorstellung. Ähnlich ging es mir bei den Illustrationen zu Graßhoffs „Neon Birds“.
Exodus-Finale
Vom Exodus-Magazin erscheinen im Mai/Juni die beiden Jubiläumsausgaben 50.1 und 50.2, die zugleich den Schlusspunkt zum Projekt setzen. Einerseits ein runder Abschluss, andererseits ein Verlust für die Szene, in der die Magazinvielfalt zuletzt ohnehin wieder abgenommen hat. Zwar war die Exodus (wie so ziemlich jedes SF-Magazin) nicht frei von Kritik und Skandalen, aber zugleich sowohl für Schreibende als auch für Künstler*innen eine namhafte Plattform und eine Chance, einen Fuß in die Tür zu bekommen – um frei Maria Orlovskaya zu zitieren, eine der Autorinnen, die ich über die Exodus entdeckt habe. Im Magazin sind qualitativ hochwertige Kurzgeschichten erschienen, die ebenso wie die Grafiken immer in den Nominierungen der SF-Awards auftauchten, häufig sogar auf dem Treppchen. Zudem schätze ich die Exodus dafür, dass sie sich weniger eindeutig als vergleichbare Magazine wie die Nova oder die Queer*Welten einer bestimmten Ecke zuordnet und Kunst wie Literatur gleichermaßen eine Bühne bietet bzw. geboten hat.
Ausflugstipps
Apropos Kunst. Wenn ihr an diesem ersten Mai-Wochenende vor die Tür wollt, könnt ihr z. B. die Arte Ems in Bad Ems mit dem Thema „Phantasma“ besuchen. Oder die Ausstellung zu Werken von John Howe, die noch bis 18. Oktober im La Tour du Fantastique in Neuenburg in der Schweiz aufwartet.
Man liest sich.
Text unter CC BY SA 4.0
Titelbild via Canva mit Elementen von Victoria Rusyn, Arrasy Studio, Helga Frode, Clker Free Vector Images