Phantastische Perspektiven (2): Johannes Steiner
Was wäre die Phantastik ohne Bilder? Sie geben der Fantasie teilbare Gestalt und haben so die Macht, unsere Wahrnehmung von Fantasy, Science Fiction und Co. entscheidend zu beeinflussen. Als Teenager habe ich z. B. mal eine Malerei von einer Elfe gesehen, die bis heute stark mein Bild dieses Volkes prägt (hab mir damals leider nicht die Künstlerin gemerkt, die Suche ist gestartet). Und wer weiß, ob ich ohne die Coverillustrationen von Larry Elmore auf den damaligen deutschen Drachenlanze-Ausgaben je so tief in die Fantasy abgetaucht wäre? Selbst der Look der „Sommerlande“ wird für mich immer mit dem melancholisch-verträumten Stil von Fräulein Kirsten verbunden sein.
Es ist also höchste Zeit, sich auch hier auf dem Blog intensiver mit der bildgestaltenden Perspektive auf Phantastik zu beschäftigen. Dazu kommt heute Johannes Steiner zu Wort.
Johannes und ich haben uns über den Koblenzer Phantastikstammtisch kennengelernt. Dabei kam bald die Idee auf, dass man gemeinsame Aktionen angehen sollte, um phantastische Bilder und Texte stärker zu verbinden. Als erste Maßnahme dessen begehen wir mit schreibenden und darstellenden Kolleginnen am 6. Dezember dann auch eine Kombi aus Ausstellung und Lesung. Dazu aber mehr am Ende dieses Beitrags.
Im Frühjahr hatte Johannes mit den „Midnight Friends“ hier in Koblenz eine eigene Ausstellung. Dort hatte ich Gelegenheit, mich eingehender mit seinen detailreichen Bildern und Plastiken zu beschäftigen. Dabei kamen einige Fragen auf – und Johannes hat sie ausführlich beantwortet.
Vorstellung und Anfänge
(1) Lieber Johannes, bitte stell dich und deine Kunst doch kurz vor. Wer bist du, was machst du?
[Johannes] Ich bin 1982 im Westerwald geboren und wohne in der Nähe von Koblenz, habe Kunst studiert (Malerei) und bin Zeichner. Mein Lieblingsmedium ist die Federzeichnung mit Acryltinte.
Meine Bilder sind gegenständlich und detailliert. Sie sind erzählerisch. Oft lasse ich sie Schritt für Schritt entstehen. Man kann in ihnen durch eine Landschaft wandern und entdeckt viele Figuren und neue Zusammenhänge dabei. Ich mag es, kleine Welten zu zeichnen, in denen unterschiedliche Geozonen oder ganz verschiedenartige Lebewesen nebeneinander existieren, die eigentlich zeitlich, logisch nicht nebeneinander vorkommen können. Auch können Schlösser und futuristische Bauten usw. nebeneinander zu finden sein. Die Bilder wirken illustrativ oder erinnern an Comic. Es sind aber keine Illustrationen, denn sie entstehen aus sich heraus und verbildlichen keinen vorher existierenden Text. Ich mag es, wenn sie märchenhaft und mysteriös wirken und man sie in viele Richtungen deuten kann.
Meine Arbeitsmaterialien sind die japanische Röhrchenfeder und eine große Palette an Acrylfarben in kleinen Flaschen. Die Farben mische ich vorher nicht, sondern trage sie so aus der Flasche in kleinen Strichen oder Schraffuren auf Papier auf. Gouachefarben, vorweg mit dem Pinsel aufgetragen, liefern eine gute Untermalung / Farbbasis dafür.
(2) Ich habe gelesen, dass du Malerei / Grafik an der HBK Essen studiert hast. Wie kam es dazu? Und wie sah generell dein (bisheriger) Werdegang als Künstler aus?
[Johannes] Ich habe als Kind viel gemalt und gezeichnet, mich viel für Comics (v. a. Disney), Zeichentrickfilme, Bücher, Filme interessiert. Als Jugendlicher hatte ich regelmäßig Aquarellunterricht bei einem Künstler. Interessen für Kunst, Malerei, Musik und Design kamen etwas später noch hinzu. Es war recht klar, ich wollte was Kreatives machen in meinem späteren Leben. Nach der Schule habe ich mich erstmal dazu entschieden, Kommunikationsdesign zu studieren, was ich aber nach ein paar Semestern wieder abgebrochen habe. Werbung und die ständige Arbeit am PC waren doch nicht meins. Ich wollte dann unbedingt Kunst studieren, frei arbeiten und Bilder entwickeln können, malen! Nach Essen bin ich, nachdem ich in Mainz nicht genommen worden war. Ich habe mich dort für zweimal den Schwerpunkt Malerei entschieden und immer mit Öl gemalt, informelle Malerei und Pop Art haben mich interessiert. Etwas gezeichnet habe ich auch immer, viele Musterbilder. Die gemeinsamen Besprechungen mit den Dozenten und den Mitstudiereden und zu sehen, wie sich letztere alle im Laufe des Studiums entwickelten, das war beides übrigens besonders schön.
Nach dem Studium fiel es mir sehr schwer, ohne den Austausch zu malen. Ich verlor die Vorliebe für die Ölfarben und bekam sogar eine Abneigung gegen Malerei. Zu der Zeit habe ich aber trotzdem versucht, wenigstens zu zeichnen, mit Buntstiften, Markern, Kugelschreibern. Jedoch war ich mit den Ergebnissen noch unzufrieden und ich hatte auch keine Lust, nur Musterbilder zu zeichnen.
Was hat mich dann noch anderes interessiert, vielleicht noch mehr? Ein Faible für Märchenillustrationen und für Studio Ghibli hatte ich schon länger, aber zu der Zeit interessierten mich auch Kinderbuchillustrationen und aktuelle japanische Kunst sowie Kunst mit Tierdarstellungen immer mehr. Da gab es Blogs, v. a. „Animalarium“, auf denen ich tolle Künstler wie Manabu Ikeda, Ellie Okamoto und Etsuko Fukaya entdeckt habe. Manabu Ikedas Stil und Vorgehensweise der Federzeichnung mit Acryltinte (Bilder wie „Existence“ und „Regeneration“) haben mir besonders gefallen und ich wollte so ähnlich zeichnen können, wenn auch nur im Kleinen. Ich wollte auch Bilder „wachsen“ lassen; erreichbar ist Ikeda sicherlich nicht mit meinen Fähigkeiten, was er macht ist wirklich unglaublich (und groß!) und ich bringe andere Elemente mit hinein. Trotzdem bin ich inzwischen sehr zufrieden mit den Ergebnissen.
Seit ein paar Jahren nehme ich wieder vermehrt an Ausstellungen teil. 2020 kam außerdem das Kinderbuch „Wanda, der Wunderwaldine“ heraus, das ich für Anemone Winkelmann (Kinderbuchautorin und Keramikerin) illustriert habe.


Arbeitsweise und Inspirationsquellen
(3) Deine Zeichnungen sind sehr kleinteilig, sie erinnern an aufwendige Wimmelbilder. Wie lange brauchst du, bis so eines fertig gestellt ist? Wie sieht der Arbeitsprozess aus?
[Johannes] Dass sie an „Wimmelbilder“ erinnern, das habe ich tatsächlich schon öfter von Betrachtern gehört.
Ich brauche relativ lange, bis ein Bild fertig ist. Die Technik ist sehr aufwendig. Für Federzeichnungen in Größe DIN-A4 habe ich teils mehrere Hundert Stunden gebraucht. In den letzten Monaten hat sich meine zeichnerische Intuition aber stark verbessert und ich habe einige wichtige Sachen und Kniffe herausgefunden. Z. B. hilft es mir, morgens ganz früh zu arbeiten oder einen besseren Federhalter zu benutzen, sodass ich nun um einiges schneller bin, zeitlich ökonomischer zeichne (und endlich auch größere Bilder angehen kann).
Ich habe vorher nur ein sehr grobes Konzept, was ungefähr im Bild vorkommen soll. Meistens lasse ich es Stück für Stück entstehen und zeichne immer nur einen Teilbereich zu Ende. Ich lasse dann die weitere Bildentwicklung so weit es geht offen. Das finde ich sehr spannend. Auch weil die verschiedenen Bildbereiche relativ unabhängig voneinander entstehen. In einem Bild müssen am Ende jedoch Verbindungen eingebaut, ein roter Faden sowie eine interessante Gesamtkomposition vorhanden sein.
Zu Anfang male ich z. B. mit Gouache Flächen, wie sie mir gerade einfallen, und gestalte nach und nach zeichnerisch etwas daraus oder zeichne wild drauf los. Irgendwelche Striche / Strichgeflechte, Muster, Gesichter, aus denen ich dann Schritt für Schritt etwas herausarbeite und alles sinnvoll miteinander zu neuem zu verknüpfen versuche.
Besonders Spaß macht es mir, Schatten mit Schwarz und Dunkelblau herauszuarbeiten, sowie das Gegenteil, mit Weiß alles zu überarbeiten. Dazwischen zeichne ich immer mal mit Farben darüber. Mal so, mal so gehe ich in der Abfolge dabei vor, sie ist nicht genau festgelegt. Irgendwann gewinnt das Bild an Tiefe und wirkt immer fertiger.
Mit dem Weiß kann ich Fehler einfach abdecken und wieder darüber zeichnen. Das Bild fertigzustellen, ist immer schwierig. Irgendwann fühlt es sich gut und gehaltvoll an und ich bin auch ok mit den Andeutungen und Botschaften, die darin stecken. Ich bin meistens sehr glücklich, wenn ein Bild dann stimmig und endlich fertig ist. Oft finde ich dann leider noch ein paar kleine Fehler, wende mich dann aber gespannt dem nächsten Bild zu.
(4) Ich glaube, darin dürften einige Schreibende Parallelen zu ihrer Arbeit an Geschichten finden.
Du hast nun ja schon einige Vorbilder genannt. Gibt es weitere für dich „typische“ Inspirationsquellen?
[Johannes] Wie schon erwähnt ist am ehesten Manabu Ikeda mein Vorbild. Aus der Kunstgeschichte gefällt mir z. B. Alfred Kubins Werk. Amélie Fléchais‘ Bilder gefallen mir besonders gut, auch die von Moebius und Tove Jansson, und Filme von Studio Ghibli („Nausicaa“ u. a.). Es gibt sehr viele aktuelle Künstler, die ich super finde: Inoue Naohisa, Noriko Yamaguchi, Hosoi Yoshiko, Kyoko Hara, Kaori Tsuvokawa, Hiroki Kanazawa, Yosuke Yamaguchi, Miroco Machiko, Alexa Kleinbard und andere.
All diese Kunst inspiriert mich, aber auch meine Erinnerungen, aktuelle Erlebnisse und meine Gefühle fließen in die Bilder hinein. Manchmal habe ich versucht, Albträume zu (re)visualisieren.
Außerdem habe ich eine Vorliebe für Musik (Post Punk, Shoegazer, Post Rock u. Ä.) beim Zeichnen. Es ist schön, sich treiben zu lassen, die Musik schafft Impulse für Zeichenbewegungen, und sie hilft mir, mich zu fokussieren und den Antrieb zu behalten. Ich würde sagen, dass die Musik also auch meine Bilder beeinflusst.
Bücher beeinflussten meine Bilder in noch direkterer, bildlicher Weise. Ich mag es, Figuren aus Büchern auftauchen zu lassen, z. B. fremdartige Wesen, Geister, Elfen, Vampire. Sie erinnern mich immer wieder an Geschichten von H. P. Lovecraft, Algernon Blackwood, Arthur Machen, Sheridan Le Fanu oder Ursula K. Le Guin. Beim Zeichnen mag ich es, solche daraus entstandenen Geschichten in der Geschichte kurz „anzuträumen“.
Im vorangegangenen Interview mit Marie Meier wurde Jeff VanderMeers „Auslöschung“ erwähnt. Die „Southern Reach Trilogie“ (deren erster Teil „Auslöschung“ ist) hat mich z. B. stark beeinflusst. In der Logik der neuen Welt in Area X können Lebewesen immer auch Klone, neuartige Wesen oder umgekehrt könnten Tiere einmal Menschen gewesen sein; unter dem Einfluss der Zone vermischen sich die DNA und es entstehen neuartige. Ich habe lange mit dem Gefühl gezeichnet, das die Bücher in mir ausgelöst hatten, und die Atmosphäre festzuhalten versucht. Jetzt noch macht es mir Spaß, im Nachsinnen über meine gezeichneten Figuren nicht genau festzulegen, was z. B. ein scheinbares Tier wirklich ist. Erstmal die Area-X-Logik ungeachtet lassend könnte es einfach bloß das Tier darstellen, es könnte Teil einer Fabel sein, es könnte ein Gefühl darstellen, eine bestimmte Person, mich, eine Figur aus einer (anderen) Geschichte – in der Logik der Area X wiederum könnte es einmal ein Mensch gewesen sein, werden, oder eine Neuschöpfung aus anderen Tierarten oder ein Klon (wenn ich mich richtig erinnere, könnte es auch eine Pflanze gewesen sein).
Japanische Märchen gefallen mir (ich mag „Geschichten aus Tono“) und die japanische Mythologie habe ich u. a. dadurch etwas weiter kennengelernt. Und das ergab wieder mögliche andere Betrachtungsweisen für mich, z. B. dass bestimmte Tiere Boten von Göttern und Geister sind, einmal Menschen waren, sich in Menschen verwandeln können und anderes.

Ausstellungen und persönliche Favoriten
(5) Im Frühjahr hattest du hier in Koblenz eine eigene Ausstellung in der mehrkunst-Galerie („Midnight Friends“), zuvor hast du u. a. mehrfach an Gemeinschaftsausstellungen teilgenommen. Wie waren deine Erfahrungen mit den „Midnight Friends“, aber auch Ausstellungen generell? Welchen Stellenwert nehmen Ausstellungen für dich als Künstler ein?
[Johannes] Die Ausstellung in der Galerie von mehrkunst war insgesamt eine richtig schöne Erfahrung für mich. Ich hatte mich erstmal sehr gefreut, dass ich vom Verein eingeladen wurde und das für eine Einzelausstellung mit einem Monat Dauer! Meine letzte Einzelausstellung lag viele Jahre zurück und es war schön, einen ganzen Ausstellungsort zu nutzen, was mir die Möglichkeit gab, die Werke so zu positionieren, wie sie nach meinem Gefühl am besten wirkten und zusammenwirken sollten. Der Raum (mit Schaufenster!) passte gut zu meinen eher kleineren Werken und mit der Qualität der Auswahl an meinen neueren Bildern war ich auch zufrieden. Die Vernissage war gut besucht. Das freute mich sehr, und über die Gespräche und die Zustimmung von vielen habe ich mich ebenfalls gefreut.
Insgesamt ist allerdings meine Erfahrung, dass in der Region weniger Menschen an Kunstveranstaltungen interessiert sind als die Gruppe an Künstlern selbst (ausgenommen z. B. zur Nacht der Museen). Originelle neue Ausstellungsformate werden entwickelt, aber meistens von der Allgemeinheit nur wenig wahr- oder angenommen. Ich empfinde das als schade. Viel schöner wäre es doch, würden mehr Menschen in Dialog treten. Erstmal mit den Kunstwerken (sie wahrnehmen), welche nicht einfach „nur“ Kunst und für die „elitären Kunstinteressierten“ sind. Sie sind konkret eine Reaktion auf das Leben und die Gegenwart eines Menschen, auch auf Gesellschaft und Politik, über das mit Worten Vermittelbare hinaus, bei einer oft sehr komplexen und schwer greifbaren Wirklichkeit und Vielschichtigkeit von Problemen. Kunst möchte doch (meistens) anregen, auch zum Diskurs.
Eine andere Seite ist: Meistens möchte ich nur Zeichnen, denn das liebe ich. Und Ausstellungen zu machen stresst mich sehr: Bilder zu rahmen, der Aufbau, Fotos machen, Reden halten, Smalltalk. Aber ich möchte meine Bilder unbedingt zeigen, meine Kunst ist auch ein Kommunikationsmedium für mich. Dazu kommt das, was sich bestimmt fast jeder Künstler erträumt: dass man von der Kunst leben kann. Und die eigene Kunst nicht zu zeigen (auch physisch) ist nicht gerade der Weg zur Erfüllung dieses Wunsches.
Auch unangenehm bei meinen Ausstellungen ist mir, dass ich und die Besucher fotografiert werden. Das ist ja schon exzessiv zurzeit und Fotos von Leuten werden oft ungefragt in Sozialen Medien hochgeladen. Ich würde lieber weniger solcher Bilder sehen, und mehr von den Kunstwerken, denn um die geht es ja vor allem. Ich kann mir vorstellen, dass es auch den Besuchern unangenehm ist, fotografiert zu werden. (Für mich ist dies oft ein Hemmnis, mehr Kulturevents in der Region zu besuchen.)
Bilder zu verkaufen bei Ausstellungen (und generell) ist hingegen besonders schön. Es ist nicht so, dass ich sie ungern hergebe (ein ganz klein wenig vielleicht), nein, es ist viel schöner, wenn ein Mensch ein Bild kauft, weil es ihm besonders gefällt und bedeutet. Wenn es Teil einer persönlichen Einrichtung einer Wohnung, vielleicht auch einer Sammlung von Bildern wird und dass der./diejenige und andere Menschen es dann anschauen. Das ist viel besser als wenn die Bilder auf einem Stapel liegen und sie keiner sieht.
(6) Welches deiner Werke bedeutet dir besonders viel und weshalb?
[Johannes] Definitiv bedeutet mir mein neues Bild, an dem ich gerade arbeite, besonders viel. Es stellt eine Stadt dar, in deren Zentrum ein vermutlich von Hand erbauter, riesiger Fisch liegt, dahinter sind riesige Seepferdchen aus Stein und Berge. Es ist endlich ein größeres Format, was ich mit Feder und Acryltinte bewältigen kann, denn das Bild zieht sich über vier Din-A4-Platten. Das macht deutlich mehr Spaß zu zeichnen, denn Details und Wechsel von Strukturen und Stein, Wald, Erde etc. haben mehr Platz; was es auch schöner macht, mit dem Blick durch das Bild zu wandern oder zu fliegen. Besonders Spaß macht es mir, die Übergänge zwischen den Platten zu zeichnen: Das ist magisch, wenn ich die Platten aneinanderlege, da ist ein Ritz dazwischen, aber es ergibt doch ein ganzes Bild. Eine Zeichnung in dieser Größe zu schaffen, war mir vor Kurzem noch nicht möglich. Nun bleibt mir zu hoffen, dass ich das Bild auch bald fertigbekomme und es am Schluss funktioniert.
(7) Gibt es noch weitere Werke, an denen du aktuell arbeitest?
[Johannes] Neben der schon beschriebenen größeren Zeichnung sind fünf weitere Bilder fast fertiggestellt. Ich habe dieses Jahr entschieden, mich nun hundertprozentig auf Federzeichnung mit Acryltinte zu konzentrieren und für die nächsten Monate habe ich mir konkret vorgenommen, eine noch größere Zeichnung zu beginnen (4x DIN-A3-Format). Wenn die umsetzbar ist und die Arbeit daran nicht zu lange dauert, werde ich auf ein noch größeres Format gehen. Ich träume von Bildern mit Ausmaßen von über einem Meter (Länge wie Breite). Stelle dir eine Zeichnung vor, die so groß ist wie eine Tür oder eine Wand und die auf den ersten Blick wie ein Muster erscheint, aber dieses Muster besteht aus heterogenen Details und du kannst dich davor setzen oder stellen und Schritte zur Seite machen, um mit dem Blick alles erforschen zu können. Ich bezweifle mittlerweile oft, dass das mit meinem Naturell und Fähigkeiten, überhaupt irgendwann zu erreichen ist, aber mal abwarten. Ich werde außerdem Bilder beginnen, für die ich vorher die Farbpalette begrenze, z . B. nur Braun- und Grüntöne wähle (neben Weiß, Grau, Indigoblau und Schwarz für Tiefe und Kontrast).
Inhaltlich werden wohl viele meiner Lieblingsmotive, -tiere und -themen wieder auftauchen: bestimmte Tierarten, dann Bäume, Berge, Häuser usw.
Gleichzeitig möchte ich gerne zu neuen verwunschenen Orten, die mich und vielleicht auch andere an Kindheitsträumereien von besonderen Orten erinnern. Zu undurchdringlichen Wäldern, bizarren Baumformen, Geheimnissen, Wundern (neben Wundern, die nur sehr wenige als Wunder überhaupt erkennen können), unglaublichen Felswänden, und einem großen Bild wie einer Landkarte, eine Welt aus der Vogelperspektive. Man kann gespannt sein, denn ich versuche mich so weit es geht nicht zu wiederholen.


Tipps und Rahmenbedingungen
(8) Die neue Gretchenfrage: Wie hältst du es mit KI?
[Johannes] In dieses komplexe Thema habe ich definitiv viel weniger Einblick als du. Da es nicht nur sehr komplex, sondern auch wichtig ist, versuche ich, mir nicht vorschnell eine Meinung zu bilden. Ich habe ein paar Artikel gelesen und Berichte darüber geschaut, bin aber meines Erachtens noch relativ naiv, was KI anbelangt.
Erstmal in Bezug zur Kunst: Ich kann KI bisher nicht gebrauchen, denn ich kann Vorlagen aus verschiedenen Fotos gut selbst kombinieren und meine Fantasie ist mittlerweile weit entwickelt, sodass ich mit KI keine Bilder als Vorlage oder als Ideenlieferanten zu generieren bräuchte. Kunst mit KI selbst zu generieren interessiert mich im Moment nicht. Ich kenne jedoch z. B. einen KI-Foto-/Bildkünstler, dessen KI-Bilder menschliche Ängste und Abgründe sehr gut visualisieren. Mit KI arbeitende Konzeptkunst kann ebenfalls sehr spannend sein. Ich habe aber auch viel glatte KI-Kunst gesehen (in Social Media, aber selbst bei Ausstellungen), die vielleicht Menschen anspricht, die (vorher) schon eher glatte Kunst mochten. Letztere ist vielleicht ersetzbar, aber ich habe eher keine Angst, dass Kunst wie meine einen Konkurrenten in KI bekommt (wenn ich mir die Vorlieben meiner Zielgruppe vorstelle). Denn sie ist handwerklich geschaffen und lebt auch von kleinen Fehlern und komischen Einfällen und von der Verbindung zu mir als Person (Erfahrungen, Interessen usw). Und ich glaube, wenn KI-Kunst und z. B. KI-Filme erstmal überwältigend und neu sind, werden die meisten Menschen doch wieder zum Menschengemachten zurückkehren, denn es interessiert sie auch der oder die Personen hinter den Werken, das Unperfekte, die Botschaft(en), die Gemeinsamkeiten mit den Erschaffern, die Stofflichkeit. Und die Ästhetik der KI-Kunst ist bisher meistens ähnlich und wird vielleicht bald langweilig. Aber das hängt vielleicht ab von den KI-Modellen?
Aber sollte es so sein, dass sich die Vorliebe für KI-Kunst stark verbreitet (Übersetzer, bestimmt auch Illustratoren, werden nun oft durch KI-Arbeit ersetzt, um Kosten zu sparen), wäre das sehr schlecht für die Künstler ohne KI, denn deren Situation in Deutschland ist sowieso schon prekär. Kaum jemand möchte für Kunst Geld ausgeben.
Ich würde gern mal sehen, wie eine KI ein neues Bild in meiner Handschrift erzeugt, hätte aber auch Angst davor. Es gibt gerade auf Instagram usw. diese KI-Videos „im Stil eines 80’s Dark Fantasy Movies“, nach denen bin ich ein wenig süchtig. Gäbe es da irgendwann eine Virtual Reality oder wenigstens ein Videospiel, in der genau diese Art Orte, Wesen und die Atmosphäre eingefangen wären, das fände ich unglaublich.
Beim Thema KI generell ist das Gefühl, das bei mir aufkommt, Angst. Das liegt wohl vor allem daran, dass die Weltlage sich in den letzten Jahren so zum Schlechten gewandelt hat, sodass gerade wenig Hoffnung auf eine Verbesserung besteht. Der Durchbruch der KI hat in vielen Bereichen wohl Gutes, aber ich mache mir Sorgen wegen des hohen Energieverbrauchs. Was ist wenn die flächendeckende Nutzung von KI quasi zur Sargnadel an der Entschleunigung des Klimawandels wird?
Was mir darüber hinaus Sorgen macht, ist die Abhängigkeit von und der Einfluss der Big-Tech-Unternehmen. Ebenso die weitere Vereinzelung der Menschen und mögliche schnellere Radikalisierung durch KI, und dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander geht.
(9) Du sagtest ja, dass du es nicht magst, wenn auf Ausstellungen Fotos von Personen gemacht werden und die Werke für sich stehen sollen – was ich an für sich sehr gut verstehen kann. In meinem Falle sind mein Alltags- und mein Autoren-Ich z. B. auch so weit voneinander entfernt, dass es sich manchmal seltsam anfühlt, Fotos von mir als Autorin zu sehen. Andererseits frage mich aber, ob es nicht auch eine Verteidigungshaltung gegenüber KI sein kann, mehr als Person in Erscheinung zu treten. Aber da gibt es sicher auch Alternativen. In diesem Sinne: Wo findet man weitere Informationen zu dir oder deinen Werken? Und (wo) können Leute deine Werke erwerben?
[Johannes] Ich bin auf Instagram unter dem Namen @johannessteinerart zu finden. Dort sind Bilder aller Werke und Infos darüber, viele Detailfotos, sowie Ausstellungsankündigungen und anderes zu finden. Wer nicht auf Instagram ist, kann meine Homepage www.johannessteiner.de besuchen.
Wenn man eines meiner Werke kaufen möchte, kann man mich gern anschreiben oder anrufen. Oder man kauft bei einer Ausstellung. Neben den Originalwerken habe ich im Moment eine Auswahl an Drucken anzubieten.
(10) Gibt es zum Abschluss noch etwas, was du den Lesenden des Interviews oder anderen Kunstschaffenden mit auf den Weg geben möchtest?
Erst einmal ein ganz praktischer Tipp: Jahrelang habe ich mit den normalen Federhaltern für Röhrchenfedern gezeichnet, aber vor ein paar Wochen steckte ich mal eine Röhrchenfeder in einen mit einem Teppichmesser vorne abgeschnittenen Plastikkugelschreiber und damit klappt das Zeichnen viel(!) besser, fühlt sich einfacher an, mehr wie mit einem Stift (je nachdem wie man zeichnet). Die Feder ist fester sitzend; ich realisierte direkt, dass sie in den normalen Federhaltern immer etwas wackliger festhielt und das die Arbeit so erschwert hat.
Es hat mir außerdem zuletzt sehr geholfen, den Begriff „Unterbewusstsein“, aus dem sich die Fantasie und die Intuition speisen solle(t)n, mit den Begriffen „Intuition“ und v. a. „Überbewusstsein“ zu ersetzen, die viel positiver sind und meiner Meinung nach der unglaublichen Leistung des intuitiven Verstands in einem trainierten Bereich gerecht werden.
Ein Satz, der mir wichtig ist und Hoffnung und Geduld bei der langen Arbeit gibt, ist: Durch stetige Wiederholung einer bestimmten Arbeit, wird diese zwangsläufig besser (egal welche oder bei wem). Durch Erfahrung weiß ich aber auch, dass es eine Ausnahme gibt, nämlich wenn man in eine Krise kommt. Dann würde ich sagen, ist es wichtig, wenn man sich auf das Wollen und das Brauchen konzentriert (oder sich danach fragt) und das Können erst mal nicht beachtet. Eventuell ist es in einer Krise gut, eine andere Technik oder ein anderes Medium zu probieren.
Das Zeichnen macht mir meistens sehr viel Spaß, aber oft macht es auch überhaupt keinen und ist sehr mühsam. Meine Strategie, um mich im letzteren Fall am Zeichnen zu halten, ist seit Jahren, dass ich mich auf das Abarbeiten von Stunden konzentriere und die geschafften Arbeitsstunden als Erfolg sehe. Das Resultat ist (oder erscheint) dann oft nicht gut am Ende des Tages. Aber: Ich bin wenigstens weitergekommen und Fehler lassen sich mit frischem Blick und Energie beim nächsten oder übernächsten Mal wieder beheben. Mit dieser Methode könnte es sein, dass man auch diese Angst vor dem Anfangen vermeidet und davor, den perfekten Moment nicht zu finden (das heißt nicht, dass ich manchmal auch sicherheitshalber die Arbeit an einem Bild abbreche, um es nicht zu ruinieren. Dann wechsele ich aber zu einer anderen Zeichnung oder Arbeit).
Was ich gerne allen mitgeben würde: Meine Kunst ist fantastisch, ich lasse eine neue und für mich schöne Welt entstehen, in die ich mich gerne hineinträume. Die Bilder sind, so denke ich, nicht dezidiert gesellschaftskritisch oder auf die Politik bezogen. Jedoch bilde ich mir ein, dass man Stellungnahmen zum Leben und der Welt darin finden kann, denn das möchte ich und versuche ich oft zu erreichen. Vor Jahren sagte ich mir, die Kunst ist mein Kommunikationsmedium, auch um meine Werte zu vermitteln. In den letzten Jahren gibt es in Deutschland und Europa diese stetig anwachsenden Neigungen gegen die Demokratie und die Freiheit, einen wachsenden Hass auf Minderheiten, wachsenden Rassismus, Homophobie, Neigung zu Egoismus und Ignoranz, die Tendenz zum Finden einfacher Lösungen für komplizierte Probleme, die Leugnung des (menschengemachten) Klimawandels und noch weiteres sehr Beunruhigendes. Die Geschwindigkeit besorgniserregender Ereignisse und Veränderungen nimmt nun sogar zu. Ich fühle mich in Anbetracht dessen nicht nur extrem ängstlich (beim Blick in die Zukunft) und wütend (aber auch überrascht, wie so eine Entwicklung abläuft), auch ohnmächtig, denn ich möchte mehr dagegen tun, mehr versuchen. Und ich sehe, dass die Ereignisse stetig kommen, aber es gibt kaum noch Empörung, es wird von den meisten weitergelebt wie zuvor. Nur zu Demos gehen reicht nicht mehr, Kunst machen schon lange nicht mehr (meine Art von Kunst jedenfalls). Lasst uns versuchen, was zu tun und unsere Werte, Demokratie und Freiheit zu verteidigen. Jeder könnte erstmal überlegen, was man tun kann, und versuchen, nur ein klein wenig aus der eigenen Komfortzone heraus zu gehen!
Wenn das mal kein Schlusswort war.
Vielen Dank an Johannes für diesen intensiven Einblick in eine Welt, die zumindest mir bisher eher fremd war.
Wer nun mehr von Johannes‘ Werken sehen möchte, dem seien seine Ausstellungen, die genannte Instagram-Seite und seine Website empfohlen.
Und, wie im Eingangstext angeteasert, haben wir am 6. Dezember ein gemeinsames Event!
Der Neue Kunstverein Mittelrhein veranstaltet nämlich am 5. und 6. Dezember seine „Jahresgaben“ in der Villa Regis in Andernach. Mit einem vielseitigen Programm werden die teilnehmenden Künstler*innen, darunter Johannes, vor- und ausgestellt. Und am 6. findet im Rahmen dessen „Werk und Wort“ statt, besagte Kombi aus Lesung und Ausstellung.
Um 15 Uhr werde ich hierzu, bezugnehmend auf eine Edition von Johannes, aus „Spielende Götter“ lesen. Was zugleich wohl meine Finallesung daraus wird, da das Buch im ersten Quartal 2026 aus dem Verkauf geht.
Um 16 Uhr geben wir den Staffelstab an Kolleginnen ab: Laura Dümpelfeld liest dann, Bezug nehmend auf eine Skulptur von Bettina Danne, aus ihrem frisch erschienenen Dark-Fantasy-Roman „Schattenblut“.
Ich bin gespannt, auch auf das restliche Programm, und freue mich, wenn ihr uns dort besucht!