Sommeransichten 2025

Sommeransichten 2025

2. August 2025 0 Von FragmentAnsichten

Veränderungen bei ohneohren, Science Fiction und KI, Jubiläum bei PAN, vergebene Auszeichnungen, eine Ausstellungsempfehlung, Sword & Sorcery und Solarpunk.

Die Sommeransichten zur Phantastik gehen in ihre nächste Runde. Und wenn ich über Phantastik rede und schreibe, geht es dabei in der Regel erst in zweiter Linie um Literatur und Medien. Primär interessiert sie mich als soziale Gruppe, als Szene bzw. Ansammlung von Szenen. „Szenen“ sind dabei aus soziologischer Sicht kein vager Begriff, sondern an bestimmte Kriterien gebunden – inwiefern sich diese auf die Phantastik anwenden lassen, hatte ich auf dem MetropolCon 2023 besprochen. Kurz gesagt: Die Phantastikszene verdient sich diesen Begriff u. a. durch ihre Rituale, Events, ihre Medienzentrierung, ihren Aufbau und ihren Freizeitcharakter.

Tauchen Konflikte auf, finde ich es oft hilfreich, ein Stück zurückzutreten und die Sache aus der Theorieperspektive zu betrachten. Es nimmt den Konflikten nicht nur die persönliche Komponente, man kann auch schauen, ob und welchen Zweck sie für die kollektive Identität erfüllen. Eine Szene ohne Konflikte hat keine Geschichte und ohne Geschichte kann keine Szene existieren. Dass ein Konflikt eine Szene zersetzt, kommt hingegen selten vor.

In den letzten beiden Monaten habe ich wieder häufiger über diese strukturelle Seite nachgedacht, aber dieses Mal ging‘s dabei nicht um Konflikte, sondern um Biografien und Szenestrukturen.

Eine neue Phase (nicht nur) für ohneohren

Im Mai hat Ingrid Pointecker vom Verlag ohneohren bekanntgegeben, dass „am 31. Dezember 2026 […] die Lebensphase „Ingrid als Verlegerin“ enden [wird]“. Mit dieser Formulierung hat sie schon ein Stück weit offengehalten, was das für den Verlag bedeutet, und inzwischen ist klar, dass Ines Zimzinski von der Hörbuchmanufaktur Berlin übernimmt. Was genau das wiederum bedeutet, auch für meine Werke dort, wird sich zeigen. Aktuell gehe ich vorsichtig davon aus, dass die noch lieferbaren Anthologien bei ohneohren bleiben. Eine für 2026 geplante Science-Fiction-Novelle werde ich dort aber nicht mehr veröffentlichen und ich bin mir auch unsicher, ob „Spielende Götter“ im Verlag bleibt.

Auch wenn ich nur einen meiner Romane bei ohneohren veröffentlicht habe, fühlt es sich für mich an, als sei er mein „Hausverlag“, auch weil ich dort ein paar für mich sehr prägende Kurzgeschichten untergebracht habe. Wir sind außerdem ziemlich zeitgleich in die Verlagswelt gestartet und in meinen ersten Jahren als Autorin war ohneohren immer einer der Anlaufpunkte auf Cons.

Für Nostalgie und Abgesänge ist es aber zu früh, denn noch besteht die Kombi aus Ingrid und Verlag ja sehr quickfidel. Und wenngleich es natürlich verlustend für Szene und Verlag ist, dass sich Ingrid neuen Dingen und Zielen zuwendet, finde ich das nach zwölf Jahren doch sehr verständlich.

Und damit zurück zum Thema Biografien und Szenestrukturen: Die klassische Biografie von Szeneaktiven sieht vor, dass man als Teenager oder junger Erwachsener in Kontakt gerät, sich in den 20ern professionalisiert und sich in den 30ern/40ern wieder ein Stück weit aus dem Kern zurückzieht, sofern inzwischen nicht der Lebensunterhalt eindeutig über die Szeneaktivität verdient wird. Ihr braucht mir jetzt keine Gegenbeispiele zu nennen, ist schon klar, dass es die gibt. Aber so weit zur Schablone. Mir kam das früher seltsam vor, ich konnte mir nicht vorstellen, dass es mir genauso gehen würde. Aber wenn ich nun zurückschaue, dann falle ich vollständig in diese Persona rein! Mit 19 war ich so aufgeregt auf meinem ersten FeenCon, mit Mitte 20 war ich fester Bestandteil der Autorenstände und jetzt denke ich mir „joa, ich könnte zum FeenCon, aber ich kann auch mit einer Freundin im Stadtpark Eis essen“. Mir ist die Szene weiterhin wichtig, aber aktuell zumindest nicht mehr so wichtig, dass ich ihr jeden Urlaubstag opfern müsste. Nun will ich da nichts überinterpretieren (Ingrid nennt im Interview mit Michael Schmidt übrigens eine Mischung aus privaten und wirtschaften Gründen). Allerdings habe ich den Eindruck, dass es vielen, die mit mir gestartet sind, in der Priorisierung ähnlich geht. Zum Beispiel einen Verlag zu haben, kostet halt viel Zeit neben Brotjob und Privatleben. Konzentrieren wir uns insofern für den Moment darauf, wie bemerkenswert es ist, dass ohneohren bereits seit zwölf Jahre besteht und einen so intensiven Beitrag zur Szenekultur leistet. Verlagsphasenfinaltrauer folgt dann ggf. Ende 2026.

Ein Jubiläum für PAN

In den Anfang meiner – bleiben wir optimistisch, bis dato – aktivsten Szenezeit ist auch die Gründung von PAN gefallen. Auf TOR Online blicken Stefan Cernohuby und Christina Löw anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Phantastik-Autor*innen-Netzwerks auf dessen Entwicklung zurück. Im Beitrag findet sich auch das Gründungsfoto, das wir in einem Biergarten in Köln aufgenommen hatten, wo unser damaliger Autorenstammtisch stattfand, aus dem heraus dann Diana Menschig PAN entwickelt hat. Ich war am Anfang einfach happy to be there, dann Beirätin für Kleinverlagsfragen und habe die PAN-Sonderausgaben in Zusammenarbeit mit der Mephisto konzipiert und redigiert, später eine Zeitlang auch den Newsletter. Es hat mir meistens Freude bereitet und ich habe darüber viele prägende Kontakte kennengelernt. Wenngleich ich zuletzt nur noch gelegentlich in Genre-Fragen partizipiere, nicht immer mit allem d’accord gehe und dieses Wochenende nicht am Jubiläumstreffen teilnehme, finde ich nach wie vor, dass Diana hier etwas Großes geschaffen hat, das von engagierten Menschen weitergetragen wird.

Ein Verhältnis zwischen Science Fiction und KI

Über PAN-sche Umwege kam im Frühjahr auch eine Anfrage, für den Bücherbrief des Buchkultur-Magazins einen kurzen Text über das Verhältnis der Phantastik zu generativer KI zu schreiben. Der Beitrag ist im Mai veröffentlicht worden. Einen thematisch ähnlichen Blogbeitrag habe ich in meiner Funktion als Mitarbeiterin in einem Hochschulprojekt kürzlich ebenso übers Hochschulforum für Digitalisierung veröffentlicht.

Ein Preisregen

Ein noch größerer thematischer Dauerbrenner als KI ist die Award-Saison. Ich hab hier ein bisschen den Überblick verloren. Aber auf jeden Fall hat die Queer*Welten den ESFS Award als Bestes Magazin erhalten, was schon nett ist. (Was meine generellen Anmerkungen zu diesem Award angeht, verweise ich auf die Frühlingsansichten.) Noch mehr Anerkennung fürs Magazin gab’s beim Kurd-Laßwitz-Preis, wo es das Rennen in der Kategorie „kritisch – engagiert – intersektional“ gemacht hat. Was nahelegt, dass auch die sonstigen KLPs vergeben wurden, und zwar u. a. an Aiki Mira für „Proxi“, an Christian Endres für „Wichtig ist nur, was die Leute glauben“ oder an den Carcosa Verlag und das Team des Otherland.

Der Phantastikpreis der Stadt Wetzlar geht derweil in diesem Jahr an Nils Westerboer mit „Lyneham“, der Vincent Preis u. a. an Julia A. Jorges für „Hochmoor“ und für „Zwischen zwölf und Mittag“. Zum Deutschen Science Fiction Preis wurden auf dem Wetzkon III die Nominierungen bekanntgegeben.

Ein Ausflug und mehrere Empfehlungen

Wetzkon, FeenCon – die Consaison hat offensichtlich ebenfalls an Fahrt aufgenommen, ich habe mich allerdings bislang auf die re:publica beschränkt. Dafür war ich kürzlich in Antwerpen, wo noch bis 17. August Hans Op de Beecks „Nachtreise“ ausgestellt wird. Ein düsterer, melancholischer und stellenweise morbider Ausflug in eine Welt von (Alb-)Traumfiguren. Kann es nur empfehlen.

Und wenn wir bei Träumen sind: Just zum Ende des Beobachtungszeitraums der Sommeransichten hat Peter auf Skalpell & Katzenklaue einen Beitrag zur Sword-&-Sorcery-Anthologie seiner Träume veröffentlicht. Selbstverständlich bleibt es dabei nicht beim reinen Namedropping und man kann den Beitrag auch als personelle Einführung ins Subgenre der 1970er und 80er Jahre lesen. 🙂

Empfehlen kann ich weiterhin, mal bei der neu entstandenen Story Seed Library vorbeizuschauen, die unter CC veröffentlichte Solarpunk-Werke veröffentlicht. Sicher mit schwankender Qualität, aber dennoch eine dankbare Sammlung für alle, die keine Lust haben, ihre Beiträge über Solarpunk mit dem KI-Kitsch zu bebildern, der einem hierzu gerne offeriert wird.

Wenn wir über Solarpunk sprechen, nutze ich abschließend den Moment, den nachfolgenden Zeitstrahl zur Verfügung zu stellen. Ursprünglich hatte ich diesen für meinen Vortrag im Rahmen der Klimafiktionen-Tagung erstellt. Da er mit einem Canva-Design erstellt wurde, kann ich ihn nicht unter CC-Lizenz stellen, aber wenn ihn jemand nutzen will, feel free, die Quellenangaben bitte nicht entfernen.

Zeitleiste zur Solarpunk-Bewegung. Start 2008 mit der Beluga Sky Sails und der ersten Benennung von Solarpunk auf einem Blog. 2012 erscheint die erste Anthologie. 2014 ästhetische Merkmale durch Miss Olivia Louise festgeschrieben, "Notes toward a manifesto" von Adam Flynn. 2015 Vorstellung in "The New Republic". 2017 Definition zu Solarpunk von Jay Springett. 2018 Solarpunk Festival in Berlin und Übersetzung der Anthologie. 2019 Solarpunk Manifest. Quellenangaben: Zeitstrahl: Alessandra Reß, Design von Canva / Carlos Olmos
Bildmaterial: 2008: Foto von Ursula Horn via Wikimedia Commons unter CC BY 3.0 / 
 2014: “Das Gewächshaus” von Paul Kayser

Und damit enden diese vergleichsweise kurz gehaltenen Sommeransichten. Im Herbst stehen ja unter anderem wieder die Frankfurter Buchmesse und der BuCon an. Ich plane bei beidem vorbeizuschneien und würde mich freuen, die eine oder andere Nase von euch wiederzusehen! Ansonsten liest man sich.

Beitragsbild erstellt via Canva mit Icons von Victoriia Rusyn, Iconsy, THP Creative und Magic Media (KI)