Solarpunk: Fern der Utopie und Ästhetik, hin zur Alltagskreativität
Alles so schön harmonisch unter dem grünen Wolkenkratzer? Warum Utopiebilder problematisch sind und welche Alternativen gegenwartsgewandter Solarpunk bieten kann.
Googelt man Solarpunk, erscheinen all diese grünblaugelben Bilder. Futuristische Farmen im Sonnenschein. Futuristische Städte im Sonnenschein. Glückliche Menschen, die im Sonnenschein vor futuristischen Farmen Obst essen. Glückliche Familien, die in futuristischen Städten spazieren gehen. Irgendwo ist immer Platz für einen vertikalen Garten, Solarpanele oder ein vorbeiziehendes Flugschiff.
Wenn ich in den vergangenen 1,5 Jahren über Solarpunk geschrieben oder geredet habe, war meine Kritik an dieser Ästhetik ein häufiger Bestandteil. Sie weckt meinen Widerwillen. Es ist nicht mal, dass ich in der Realversion dieser Städte andauernd mit Sonnenbrille, LSF 50 und Antihistaminikum ausgestattet sein müsste. Oder dass ich Regentage mag, für die in dieser gerenderten Welt kein Platz zu sein scheint. Es ist, dass der Großteil dieser Bilder fern der Visionen stehen, die aus meiner Sicht eigentlich den Wert des Solarpunk ausmachen.
Ästhetiken als Oberflächen
Nun betrachte ich mich zwar in erster Linie als Beobachterin der Bewegung und versuche den Entwicklungen halbwegs neutral gegenüberzustehen. Die einseitige Wahrnehmung und Interpretation des Solarpunk als bedingungslose Utopie finde ich jedoch zunehmend problematisch; sie entnimmt der Bewegung das, was sie ursprünglich gerade zu etwas Eigenem gemacht – und mein Interesse geweckt – hat. Und den Hauptgrund für diese Entwicklung sehe ich neben einem Utopie-Missverständnis in der ästhetischen Dominanz der letzten Jahre. Die hat zwar für mehr Popularität gesorgt, aber das öffentliche Bild eingeschränkt; ein typisches Problem solcher Movements. Die Neonlichter des Cyberpunk, die Zahnräder des Steampunk sind ebenfalls zunächst Oberfläche. Idealerweise hinführend zu den vielfältigen Elementen dahinter. Im Falle des Solarpunk habe ich mir diese Dynamik sogar manchmal zunutze gemacht. Zeig zum Start eine sonnig-grüne Stadtvision und die Leute hören eher zu, als wenn sie nur eine schnöde Flagge präsentiert bekommen.
Trotzdem sehe ich, dass dieses erst mal „natürliche“ Oberflächen-Problem bei tieferer Betrachtung noch zu ganz anderen Inhalten führt.
Utopiebilder und politische Beeinflussung
Im Oktober veröffentlichte Roland Meyer auf Bluesky einen Thread, in dem er vorgestellt hat, wie Programme von Parteien generisch als Stadtvisions-AI-Slop visualisiert werden. Dazu schrieb er:
„However, the problem with these images is not just their genericness. It’s the deeply populist idea that politics can be reduced to its immediately visible effects: politics is not judged by how it affects people’s concrete daily lives, but rather by its aesthetics […] And it’s thus no coincidence that right-wing parties have used exactly this kind of images before in a similar manner: if your politics is all about offering imaginary solutions to mostly phantasmatic problems, generative AI is the perfect tool for propaganda. […] AI image generation not only lends such generic visualizations of imaginary future scenarios a statistical pseudo-objectivity and a deceptive aura of neutrality, but also renders the politics employed to realize such a future invisible – by showing only results and no decisions or processes.“
Mit „Generative KI und die Ästhetik des digitalen Faschismus“ hat Meyer einen inhaltlich ähnlichen Vortrag – mit allgemeinerem Fokus – im Rahmen der re:publica 2025 gehalten. Und da erinnere ich auch noch einmal an den aus selber Quelle stammenden Vortrag „Digitale Faschismus“ von Rainer Mühlhoff und Aline Blankertz, worin ebenfalls gezeigt wurde, wie das überhöhte Utopie-Bild u. a. im Longtermismus genutzt und von der breiten Öffentlichkeit weitergetragen wird.
Was das nun mit Solarpunk zu tun hat? Nun, schaut euch die Bilder in den Links an. Das ist genau die Ästhetik, die mit dem öffentlichen Bild von Solarpunk in Verbindung gebracht werden. Und wenngleich die entsprechenden Bilder längst nicht immer KI-generiert sind, so liebt KI doch Solarpunk und wie hier mit ein paar einfachen Elementen scheinbar viel Inhalt gewonnen werden kann.


(Prompts: „Solarpunk“, „Solarpunk Community“; die Bilder wurden nicht für diesen Beitrag generiert)
Zurück zu Lösungsansätzen
Nur fehlt eben genau dieser Inhalt. Wir haben Visionen, ok. Dazu ein paar Elemente: Sonne, bisschen regenerative Technologie, bisschen gemütliches Landleben, viele grüne Wolkenkratzer, Mensch und Natur in Einklang. Aber wie kommen wir dorthin? Und – wollen wir überhaupt dorthin kommen? Irgendwie suggerieren mir diese Bilder weniger, dass wir die Kurve in Sachen Klimakrise bekommen haben, sondern mehr ein „geil, bald leben wir alle im ewigen Sonnenschein“.
Ich verweise an dieser Stelle gerne auf die Architektur, die klimaresilientes Bauen doch ein bisschen weiter denkt als bis zum nächsten grünen Wolkenkratzer. Standortsensibel etwa; im Artikel im Science Fiction Jahr 2025 habe ich z. B. das Projekt DESI Training Center in Rudrapur genannt. Klar gibt’s die vertikalen Gärten und die begrünten Wolkenkratzer. Aber sie sind kein Modell für immer und überall. (Eine der solarpunkigsten Stimmen in Sachen Architektur ist Vincent Callebaut, der aus dieser Zuschreibung keinen Hehl macht. Von diesem Büro stammt der Entwurf des Agora Garden in Taipei.)

(Foto von Yu tptw via Wikimedia unter CC BY SA 4.0)
Apropos standortsensibel. Eines der vom Solarpunk als zentral aufgegriffenen Schlagwörter ist jugaad. Eine Form der Alltagsinnovation. Es geht um kleine Lösungen. Um Makerkultur. Um Kosmopolitanismus. Um das es trotzdem machen.
Heute dominieren aber Bilder ferner Zeiten und Welten, die tun, als gäbe es nur noch Harmonie. Ein schwieriges Utopie-Verständnis. Wie funktionieren die hier so gerne beschworenen Gemeinschaften? Was passiert mit den Außenseitern? Wenn es keine Außenseiter mehr gibt, was war der Preis dafür? Wie inklusiv kann die Erzählung einer solchen Geschichte letztlich sein?
Ich halte es für sinnvoll, im Solarpunk wegzukommen vom Utopie-Anspruch der letzten acht Jahre, zurück zum früheren Optimismus. Zurück zu dem, wie Jay Springett Solarpunk 2017 definiert hatte:
„a movement in speculative fiction, art, fashion and activism that seeks to answer and embody the question ‚what does a sustainable civilization look like, and how can we get there?’ (…) Solarpunk can be utopian, just optimistic, or concerned with the struggles en route to a better world — but never dystopian. As our world roils with calamity, we need solutions, not warnings.“
Der Einwurf „but never dystopian“ sollte dabei meines Erachtens nicht so interpretiert werden, dass nicht auch Raum für Schattenseiten bestände. Wo kämen wir hin in einer Sonnenwelt ohne Schatten? Ich halte es hier mit Lidia Zuin (die die Render-Ästhetik übrigens schon viel früher kritisiert hat): „Beyond the green smart cities, solarpunk can also be dark.“
Das Eigene ist da: Projektbeispiele
Das Schöne ist ja: Was ich oben beschreibe, mag derzeit das dominante Bild des Solarpunk sein. Aber unter dieser Oberfläche ist die Bewegung weiterhin sehr vielfältig. Mehr eigen als generisch. Persönlich schätze ich z. B. die am Jugendstil orientierte Ästhetik, die ein bisschen back to the basics ist, sich in aktueller Interpretation z. B. auf dem Cover der Anthologie „Como aprendi a amar o futuro: Contos solarpunk“ findet. In der Vision von Architekt Luc Schuiten funktioniert hier auch problemlos der Schulterschluss zur grünen Stadt. Da akzeptiere ich den blauen Himmel. Ist ja hübsch, ich gebe es zu.
Weitere ästhetische Varianten sammelt z. B. die Story Seed Library.


Kürzlich habe ich die (inzwischen ausgelaufene) Solarpunk-Ausstellung im Dortmunter U besucht. Sie war bunt und schrill. Schwer zugänglich und ohne roten Faden, aber dankbarerweise sowohl (weitgehend) frei von der eingangs erwähnten Sonnenästhetik als auch vom Solarpunk-Manifest, das mir einige viel zu ernst nehmen. Stattdessen viele kreative Ansätze. Oft zu abstrakt, stellenweise esoterisch, aber ich war dankbar um die alternativen Zugänge.



Naturgemäß ist der Praxisanspruch innerhalb der Makerkultur verbreiteter als in der Literatur. Interessant finde ich etwa, was sich an Hochschulen tut: An der Hochschule Mainz gab es im Studiengang Kommunikationsdesign ein Seminar von Alexander Roidl zu Permacomputing. Die WATTWanderungen von der TH Hamburg und der Hamburg Open Online University (HOOU) widmen sich vielfältigen Formen der Energiegewinnung und geben dazu Solarpunk-Workshops.[1] Die Open-Source-Designentwürfe der BURG Giebichenstein Kunsthochschule Halle (Beispiel) werden nicht explizit mit Solarpunk in Verbindung gebracht, stehen aber – ähnlich wie diverse Markerspaces, Repair Cafés usw. – in ähnlichem Geiste.
Literarisch sehe ich in dieser Tradition S. B. Divyas „Things That Bend, But Don’t Break“, was passenderweise in einem Storyhackathon entstanden und in der unter Creative Commons veröffentlichten Solarpunk-Anthologie „Cities of Light“ schienen ist. Romantechnisch halte ich nach wie vor Kim Stanley Robinsons „Das Ministerium für die Zukunft“ für das passendste Beispiel, auch wenn da gerne betont wird, es sei kein Solarpunk. Insgesamt sehe ich übrigens überhaupt kein Problem darin, dass es sich hier um ein primär im Kurzgeschichtenbereich angesiedeltes Subgenre handelt. Warum glauben wir, ein Subgenre habe erst dann eine Daseinsberechtigung, wenn es sich in Romanen etabliert hat?
Anyway.
Innerhalb der Community besteht inzwischen viel Raum für Selbstreflexion, losgelöst vom populären Bild der Bewegung. Die dominante Ästhetik wird so schnell nicht weggehen. Aber unter deren Oberfläche besitzt der Solarpunk weiterhin diesen jugaad-Kern, die Vielfalt der Alltagskreativität. Wohin die Reise geht, wird sich zeigen. Aber ich hoffe, dass diese stillere, da weniger pompös-eingängige Vielfalt wieder stärker wahrgenommen wird. Fern der futuristischen Farmen im Sonnenschein.
[1] Freue mich über die in dem Zuge zufällig entdeckten Verlinkungen (und vergebe das X).
Text unter CC BY SA 4.0