Buchansichten 2025, Teil 2

Buchansichten 2025, Teil 2

Schieß- und schmiedewütige Prinzessinnen, Hofdamen mit halber Seele und vielen Meinungen, ein Engel in London, Götterbündnisse und ein Kampf in einer magischen Feste: der Buchansichten 2025 zweiter Teil.

Ehe alle zu ihren Raclettes verschwinden oder in einer ruhigen Ecke dem Schneefall zuschauen, kommt hier noch der obligatorische halbjährliche Leserückblick.[1] In den vorangegangenen Buchansichten hatte ich die Hoffnung geäußert, in der zweiten Jahreshälfte 2025 häufiger zum Lesen zu kommen. Letztlich blieb es wieder überschaubar, aber ein paar Titel kann ich doch vorstellen – ergänzend zum ersten Teil und dem Sachbuch über indische Science Fiction, das einen eigenen Beitrag erhalten hat.

Wenn der Drache mit den Zentauren: „Blacksmith Queen 3: Royal Arrow“

Starten wir mit „Royal Arrow“, worauf ich im Sommer bereits kurz im Vergleich zu „Helden und andere Dämonen“ eingegangen war.

Der Band führt die mit „Blacksmith Queen“ gestartete und mit „Princess Knight“ fortgesetzte Reihe Scarred Earth (auf Deutsch als Blacksmith Queen) um Schmiedekönigin Keeley und deren Schwestern fort. Entdeckt hatte ich die schrille Mischung aus gritty Sword & Sorcery, Splatter und Romantasy 2023 nach einem entsprechenden Zufallsfund im öffentlichen Bücherschrank. Schon damals habe ich mich gut unterhalten gefühlt und „Royal Arrow“ hat dem keinen Abbruch getan. Nach Königin Keeley und Kampfmönch Gemma steht dieses Mal deren jüngere Schwester Ainsley im Fokus, die schon im Vorgängerband meine Lieblingsfigur war.

Im Gegensatz zu ihren Schwestern ist Ainsley nicht gerade eine begabte Kriegerin. Dafür kann sie sich gut verstecken – was ihr entgegenkommt, als sie mit einer bunten Schar von Anhängern verschiedener Gottheiten (plus den obligatorischen Zentauren) Spionen nachspürt. Die arbeiten für Beatrix, das schwarze Schaf der Familie, das aktuell Gemma an den Kragen möchte und sich dafür sogar mit einem Dämonengott verbündet. Keeley wiederum schließt ein Bündnis mit Annwyl, der Drachenkönigin aus den Dragon Kin-Romanen. Damit werden beide Reihen endgültig miteinander gekreuzt; neben Annwyl kommen noch eine ganze Reihe weiterer Dragon Kin-Figuren hinzu.

Persönlich hätte ich das nicht gebraucht. Ich habe Dragon Kin nicht gelesen und wenngleich sich Aiken bemüht, die neuen Figuren einzuführen, erscheint mir das Crossover vor allem als Fanservice, der die Handlung mehr überlädt anstatt zu ihr beizutragen. Der Überblick über das ohnehin schon riesige Figurenensemble fällt so jedenfalls nicht leichter.

Allzu viel auf die Details schauen sollte man hier aber so oder so nicht. Die Reihe lebt von der Chemie zwischen den Schmiede-Schwestern und deren bunten Mix aus Verbündeten auf der einen, sowie der kühlen Berechnung der gelungenen Antagonistin Beatrix auf der anderen Seite. Es war kein besonders logisches, aber ein kurzweiliges Vergnügen. Einen Band 4 würde ich sofort lesen. Obwohl sich dessen Handlung hier schon anbahnt, ist bisher allerdings nichts angekündigt und ich bekomme Zweifel, dass sich noch etwas tut. Schade, denn der übergreifende Faden rund um Beatrix bleibt damit ungelöst.

„Blacksmith Queen 3: Royal Arrow“ von G. A. Aiken, Piper 2023, 978-3-492-28254-3

Viel Lärm um einen Unsympathen: „Magier 2: Eragan“

Eine Art Spin-Off zu einer bekannteren Reihe (Die Elfen) stellen auch die Magier-Comicbände dar. Nach „Aldoran“ widmet sich der zweite, von Nicolas Jarry, Stephane Créty und Olivier Héban realisierte Teil dem Magierlehrling „Eragan“. Verspottet wegen seiner Unfähigkeit, seine Emotionen und damit seine Macht zu kontrollieren, soll sich Eragan in einem Kloster seinen Studien widmen, wo er weniger Schaden anrichten kann. Als just hier ein inhaftierter Schwarzmagier ausbricht, bekommt Eragan jedoch die Chance, sich zu beweisen.

Visuell ist das Ganze wieder ein Schmaus, die Handlung bleibt aber oberflächlich und mündet (wieder mal) in einem konfusen Ende. Damit reicht der Band nicht an seinen Vorgänger oder vergleichbare Titel wie Die Geißeln von Enharma heran. Das liegt auch am Protagonisten, der wenig für eine Redemption Arc taugt. Hat man anfangs noch Mitleid, ist er am Ende vornehmlich ein arroganter Wichtigtuer, der nicht anerkannt, wie viel Unterstützung ihm seine Lehrmeister trotz allem entgegengebracht haben. Dank des selbstironischen Humors bleibt die Lektüre trotzdem kurzweilig.

„Magier 02: Eragan“ von Nicolas Jarry und Stephane Créty, Splitter 2020, 978-3-96219-496-3

Treffen sich verschiedene Stufen der Andersartigkeit zum Tee: „Regency Faerie Tales 1: Die Lady und der Lord Magier“

Wo die einen zu viel der Emotionen haben, haben die anderen zu wenig. Im Falle von Dora, der Protagonistin aus „Regency Faerie Tales 1: Die Lady und der Lord Magier“ (was ein Titel!), liegt es daran, dass ihr ein Elf als Kind die Hälfte ihrer Seele gestohlen hat. Entsprechend schwer tut sie sich damit, ihre Mitmenschen zu verstehen oder in der feinen, heiratswütigen Gesellschaft der Regency-Ära ihren Platz zu finden. Im ähnlich sonderbaren Lord Hofmagier und dessen besten Freund, einem einarmigen Arzt, findet sie jedoch unerwartet Vertraute.

Dieses Buch wurde mir als Empfehlung ausgeworfen, als ich nach Büchern gesucht habe, um meinen Downton Abbey-Abschiedsschmerz zu stillen. Nun hat dieses Buch mit Downton Abbey in etwa so viel gemein wie „Gladiator“ mit „Conan“ – wenn dann ist es eher eine Art Bridgerton mit Fantasy. So oder so waren meine Erwartungen gering. Umso angenehmer die Überraschung: Denn bei allen Bällen und Regency-Klischees erwartet einen hier doch eine erstaunlich einfühlsame und angenehm unvorhersehbare Außenseiter-Geschichte.

Ich vermute, dass die „halbe Seele“ dabei als Metapher auf Autismus zu verstehen ist. In jedem Fall empfand ich Doras Art, anders zu denken als ihr Umfeld, überzeugend dargestellt. Dankenswerterweise umgeht das Buch außerdem die Gefahr, in den „not like the other girls“-trope zu verfallen. Stattdessen tauchen mehrere Frauenfiguren auf, die sich zwar stärker als Dora den gesellschaftlichen Erwartungen fügen, deshalb aber nicht in die Rolle von Antagonistinnen verfallen. Auch ein love triangle sucht man vergeblich und überhaupt vermeidet die Handlung viele der üblichen Klischees. Selbst der Elfenlord und dessen Gefolgsleute sind keine sexy Bösewichte, sondern skurrile Sonderlinge, die noch mal eine neue Stufe der Andersartigkeit repräsentieren.

Wer einen leichtherzigen Fantasykrimi mit Regencyflair, einem Hauch Romantasy und sympathischen Figurengeflecht sucht, dem sei also empfohlen, einen Blick zu wagen. Übrigens scheint es sich bei Regency Faerie Tales (erstveröffentlicht als True Crown) um eine Anthologie-Reihe zu handeln, d. h. die Geschichte um Dora ist nach diesem Band abgeschlossen.

„Regency Faerie Tales / True Crown 1: Die Lady und der Lord Magier“ von Olivia Atwater, cbt 2024, 978-3-641-33249-5

Die Himmel über London: „Peter Grant 9: Die Silberkammer in der Chancery Lane“

Nach London geht es auch mit „Die Silberkammer in der Chancery Lane“. Es ist der neunte Fall von Peter Grant („Die Flüsse von London“) und einer seiner gelungensten! Dieses Mal macht ein Engel die Straßen der Stadt unsicher. Dass die Reihe damit um Elemente der jüdisch-christlichen Mythologie erweitert wird, finde ich durchaus mutig. Wiederum geht das allerdings auf Kosten der Übersichtlichkeit. Seit ich im Interview gelesen habe, dass Ben Aaronovitch selbst beim Schreiben oft nicht so recht weiß, wohin die Reise geht [zumindest galt das für die ersten Bände], habe ich aufgehört zu versuchen, bei den Gesetzmäßigkeiten der Demi-monde durchzusteigen. Es gab Bände, in denen mich gestört hat, dass trotz der Detailrecherchen nichts so recht zusammenpasst und das Kabinett an Wesen, Figuren und losen Enden immer weiter anschwillt. „Die Silberkammer in der Chancery Lane“ ist aber ein Fall, der gut in sich funktioniert und den bekannten Figuren ausreichend Raum für Interaktion und Entwicklung gibt. Für mich der stimmigste Band seit „Der Galgen von Tyburn“.

„Die Silberkammer in der Chancery Lane“ von Ben Aaronovitch, dtv 2023, 978-3-423-21893-1

Immer Ärger mit den Feuergöttern: „Godkiller 2: Sunbringer“

Wer mehr Wert auf einen ausgereiften Weltenbau legt, kann zu „Sunbringer“ greifen, der Fortsetzung von „Godkiller“. Die gerade erst besiegte Feuergöttin Hseth droht hier ins Leben zurückzukehren, als der Glaube an sie wieder erstarkt. Während Kyssen[2] Schrein um Schrein zerstört, um Hseth aufzuhalten, unterstützt Elo den Widerstand gegen den König. Und Inara versucht weiterhin das Rätsel um ihre Herkunft und die sonderbare Verbindung zum Gott der Notlügen zu lösen.

Strukturell geht dieser Band neue Wege gegenüber seinem Vorgänger. Zwar schimmert vor allem in Kyssens Kapiteln immer noch ein wenig Sword & Sorcery durch, die Grundstimmung wird aber epischer. Dennoch bleibt sich die Reihe treu: in der spürbaren Liebe zu ihren Figuren, in ihrem detailreich ausgearbeiteten Weltenbau. Zu letzterem gehört erneut eine casual diversity, die im Vergleich zu Band 1 weniger casual ausfällt. Die Erzählung bleibt gleichwohl klassisch, wobei die Handlung hin und wieder zurückstecken muss hinter Weltenbau und Figurenentwicklung. Eine besondere Stärke hingegen entfaltet das Buch immer da, wo die Gottheiten als eigene Daseinsform, auch als Individuen greifbar werden.

Wer sich mit der Wandlung epischer Fantasy im 21. Jahrhundert beschäftigt, kommt in jedem Fall nicht drum herum, sich mit Godkiller (engl. Reihentitel Fallen Gods) auseinanderzusetzen. Mir ist bisher kein anderer Titel begegnet, dessen Mischung aus klassischen Genre-Zutaten und progressivem Zeitgeist so stimmig wäre!

„Godkiller 2: Sunbringer“ von Hannah Kaner, Piper 2024, 978-3-492-70922-4
Rezensionsexemplar bereitgestellt durch den Piper Verlag

Hofgeplauder um 1000 n. Chr.: „Das Kopfkissenbuch“

Von einem ganz anderen Zeitgeist lebt da „Das Kopfkissenbuch“. Das fällt ein wenig raus aus dieser Reihe, da es sich hierbei weder um eine Fortsetzung (lol) noch um Phantastik handelt, sondern vielmehr um die Beobachtungen und Anekdoten der Sei Shōnagon. Die diente um 1000 n. Chr. während der Heian-Periode als Hofdame der Kaiserin. In ihrem „Kopfkissenbuch“ hält sie das Leben am Hofe fest, bietet Einblicke in die Gerüchteküche, in Reisen, in ihre ästhetische Beobachtungen von schneebedeckten Dächern bis zu den Frisuren der Kolleginnen. Das alles in einem so pointierten, manchmal auch melancholischen Stil, dass es schwer vorstellbar ist, wie alt diese Texte sind (wenngleich sie nachbearbeitet und gekürzt wurden). Ein faszinierendes Buch, geschrieben von einer Frau, mit der ich gerne mal einen Tee getrunken hätte.

„Das Kopfkissenbuch“ von Sei Shōnagon, Anaconda 2023, 978-3-7306-1322-1

Zurück nach Gallien und darüber hinaus: „Asterix 41: Asterix in Lusitanien“

Mehr Wein als Tee wird in „Asterix in Lusitanien“ getrunken. Diesen 41. Band der Asterix-Reihe habe ich in einer Stunde weggelesen, was dafür spricht, dass der gallische Ausflug nach Portugal unterhaltsam war. Allerdings gab es schon mutigere Ausflüge und gewiss auch gewitztere. Trotzdem hatte ich danach mal wieder Lust, ein wenig in die Welt von Asterix abzutauchen. U. a. habe ich mir die „Der Kampf der Häuptlinge“-Serie auf Netflix angeschaut. Gefiel mir.

„Asterix in Lusitanien“ von Didier Conrad und Fabcaro, Ehapa 2025


Was mir 2026 gefallen wird? Mal schauen. Momentan gibt es sehr viele Bücher, die mich reizen. Welches als Erstes das Rennen macht, weiß ich noch nicht. Allerdings habe ich zu Weihnachten den dritten Prinzessinnen-Band geschenkt bekommen, daher hat der gute Chancen.

Übrigens kommt von mir 2026 auch ein neues Buch raus. Doch, ehrlich. Aber darüber reden wir dann nächstes Jahr.

Kommt gut rüber!


[1] Fürs Kulturflimmern hätte ich das Jahr noch ein paar Tage mehr haben müssen. Aber den Großteil meiner Museumsbesuche habe ich bereits in verschiedenen Jahreszeiten-Rückblicken behandelt. Honorable mention noch an die Anselm-Kiefer-Ausstellung in Amsterdam und Jan Bontjes Van Beek im Keramikmuseum Westerwald.

[2] Mir ist ja nicht ganz nachvollziehbar, warum Begriffe wie „Godkiller“ nicht übersetzt wurden. Warum hingegen „Kissen“ im Deutschen in „Kyssen“ geändert wurde, erschließt sich mir durchaus 😊

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